Der 60. Jahrestag der Kapitulation - ein Rückblick auf Engagement und einen Hofstaat in Weißenfels.

Dieser Jahrestag wurde überall mit einer zuvor nie dagewesenden Intensität begangen. Zu den üblichen fast rituellen Feierlichkeiten und Gedenkveranstaltungen vergangener Jahre sind einige Aspekte hinzugekommen. Fragen wurden direkter gestellt und Antworten fielen direkter aus. Auch in Weißenfels war es nicht wie sonst. Zeit für den wirklich interessierten Baobachter, eine Nachbetrachtung anzustellen.

Ist der 8.Mai der Tag des Kriegsendes, der Befreiung, der Niederlage, der Teilung?
Gedenkt man neben den Opfern des Holocaust auch den Opfern der Vertreibung, des alliierten Bombenterrors, der deutschen Wehrmacht, der kommunistischen Unterdrückung? Zu viel Hitler, zu viel Krieg im Rahmen einer großen neuen Volkserziehung, die an der Jugend zum großen Teil vorbeigeht? Geschichte als Wahlfach an deutschen Schulen - ist das tragbar, muß man sich da wundern...? Ein umstrittenes Holocaustdenkmal in Berlin, dem weitere folgen sollen.Trennung der Opfer in verschiedene Karegorien? Ein weiteres Memorial für die ermordeten Sinti und Roma, Homosexuelle, Geisteskranke? Ein Museum des Faschismus?

Der NS-Staat hat mit der Trennung in verschiedene Opfergruppen begonnen. Warum muß jetzt, 60 Jahre nach Untergang des Regimes, auf diesem Wege fortgeschritten werden? Die verschiedenen Sicht- und Interpretationsweisen zeigen, wie allgegenwärtig das Thema ist.

Selbst der neue Papst wird einbezogen und Schiller.Dann noch Müntefering und auch mir fällt bei seiner Kapitalismuskritik der Klemperer-Titel "LTI" ein.

Rafael Seligmann Chefredakteur der "Atlantic Times" schreibt dazu:
"Es herrscht ein Klima der Angst. Selbst jene, die eine Beschäftigung besitzen, fürchten um ihren Arbeitsplatz. Diese Angst versucht Müntefering zugunsten der eigenen Partei auszubeuten. Um vom eigenen Versagen abzulenken, stempelt er die Kapitalisten zum Sündenbock. Er stellt eine selektive Gruppe von Investoren an den Pranger und versucht, den Volkszorn auf sie als gewissenlose Parasiten, als "Heuschreckenschwärme" zu lenken. Einige der in einer Liste genannten Firmen tragen jüdische Namen. Da wollte die IG Metall nicht nachstehen. Auf der Titelseite ihrer Zeitschrift "Metall" prangt unter dem Titel "US-Firmen in Deutschland - Die Aussauger" eine Heuschrecke. Ihr Leib steckt in einem Nadelstreifenanzug. In den Augäpfeln glänzen Dollarzeichen. Im Gebiß blinkt ein Goldzahn. Die Heuschrecke hält einen Zylinder mit dem US- Emblem "Stars and Stripes". Sensible Beobachter fühlten sich an Deutschlands schlimmste Zeit erinnert. Da wurden "Volksschädlinge" und "Ausbeuter" vorgeführt, jüdische Namen denunziert. Als Parteisoldat öffnete Müntefering fahrlässig eine Flasche, deren Ungeist nicht beherrschbar ist uns allzu oft Unheil anrichtete."

Man muß leider hinzufügen, dass es die gleichen Leute sind, die z.B.seinerzeit Friedrich Merz wegen einer Debatte um "Deutsche Leitkutur" sehr schnell und ganz bewußt mißverstanden und angeprangert haben.
Es wird an solchen Beispielen sehr deutlich, welche Bewährungsproben der deutschen Gesellschaft noch bevorstehen. Mich erinnert das an die spektakulärsten Buchtitel zum Thema Vergangenheits-bewältigung. Daniel Goldhagens "Hitlers willige Vollstrecker" und der neuste Titel in dieser Richtung vom deutschen Historiker Götz Aly "Hitlers Volksstaat."
Aly nennt das NS-Regime seiner Sozialpolitik wegen eine Gefälligkeitsdiktatur, die durch niedrige Steuern und üppige Umverteilungleistungen große Teile der Bevölkerung korrumpiert haben.
Erst kam das Fressen und dann die Moral, wie es Brecht später einmal in ähnlichen Zusammenhängen formulierte.
Es bleibt zu hoffen, dass diejenigen, die nie unter einer Diktatur leben mußten und heute als Gutmenschen, Gesinnungsethiker und Kerzenträger gegen rechts demonstrieren und dabei schon von Zivilcourage reden, bei der Sache bleiben, wenn es erst wirklich eng wird im Sozialsystem Deutschland und Europa.

Als Inhaber einer Buchhandlung hat man einen besonderen Einblick in einen gewaltigen Ausstoß von Bildern und Texten zu all diesen Themen. Von "Besinnungsliteratur als Nationalpädagogik", vom "Bestsellergeschäft und ernsthafter Forschung" und vom "Anspruch der Unterhaltungskultur auf diese Stoffe" spannt sich ein weiter Bogen um das Thema Kriegsende.

Der Commerz dominiert das Feld da, wo billige Massenauflagen parallel zu Fersehfilmen und Dokumentationen angeboten werden. Showmäßig, so wie es die konsumierende Masse aus den diversen TV-Seifenopern kennt und gewohnt ist.

Da werden Riesengeschäfte gemacht, bei allerdings katastrophalen Bildungsergebnissen besonders im Jugendbereich. Aktuelle und repräsentative Umfragen zum Thema Geschichte belegen das.

Danach erweisen sich durchschnittlich fast dreiviertel der befragten Jugendlichen als unfähig, richtige Antworten auf Fragen nach Weimarer Republik, Machtantritt Hitlers, Widerstand gegen das Dritte Reich, Kriegsbeginn, Holocaust usw.zu geben. Ein schlechtes Zeugnis für das derzeitige deutsche Bildungssystem.

Dabei ist es eine allgemeine Erkenntnis, dass die nachhaltigeren Bildungseffekte dann entstehen, wenn aus der Unmittelbarkeit der vertrauten Umgebung und persönlicher Kontakte von Augenzeugen Geschichte hautnah erlebt wird.

Es sind die kleinen Heimat- und Regionalverlage,

die hier eine wichtige Funktion übernehmen. Zu selten sind sie allerdings, weil hier keine Massenauflagen mit Billigpreisen und Riesengewinnen zu machen sind. Wer interessiert sich schon bei diesem Thema in Berlin, München, Hamburg oder Rostock, was in den wenigen Apriltagen des Jahres 1945 in den Straßen von Weißenfels passierte?

Der Schüler allerdings, der erfährt, das an ganz konkreten Häuserecken und Straßenzügen, die er täglich unbedacht abläuft, 14 - 16 jährige Hitlerjungen und nicht viel ältere junge amerikanische Soldaten gegeneinander das Feuer eröffneten und in wenigen Minuten 6 oder 8 Menschenleben ausgelöscht waren - und das wenige Stunden bevor in Weißenfels der Krieg zu Ende war - dem wird dieser Wahnsinn haften bleiben. Besonders dann, wenn es Augenzeugen berichten, von denen es bald keine mehr geben wird.

Die noch vorhandenen Zeugen suchen nach Öffentlichkeit in Form von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern. Sie suchen Verlage, die sie überwiegend nicht finden. Die wenigen Akteure die da sind, können allein von einer Verlagstätigkeit nicht existieren. Nicht zuletzt deshalb, weil - wie in Weißenfels - provinzielle Ignoranz gemeinsames Handeln erschwert oder gar verhindert.

Der von mir 2001 gegründete Arps-Verlag hat sich von Beginn an auf die Fahne geschrieben, die verschiedenen Weißenfelser Seiten einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Mit dem Titel "Das deutsche Schuhgewerbe" von Wilfried Schreier konnte eine positive Außenwirkung bis zur John Hopkin University in Washington erreicht werden.

Mit dem Titel "Gymnasium illustre Augusteum zu Weißenfels" konnte der Autor Dr Otto Klein einen hochdotierten 1.Preis innerhalb eines Historikerwettbewerbes unter Mitwirkung des MDR gewinnen. Band 2 ist in Arbeit und wird in der Fachwelt mit Spannung und Ungeduld erwartet.

Die Dokumentationen "Die Stadt Weißenfels im April 1945" und "Die amerikanische Besetzung des mitteldeutschen Chemiezentrums" von Jürgen Möller erreichen überregionales Aufsehen bis in die USA. Das sind nur Beispiele einer Arbeit, die das überregionale Erscheinungsbild unserer Heimatstadt nicht unbedeutend mitgestalten.

Kriegsende in Weißenfels. Eine Fortsetzungsgeschichte, ergänzt und erweitert durch offizielle Dokumente aus Militärarchiven und Augenzeugenberichte, mit einer verblüffenden Eigendynamik durch ein gewecktes und ständig steigendes Bedürfnis von Überlebenden, sich mitzuteilen. Dazu eine Gedenktafel für die Opfer auf beiden Seiten. Das waren Ziele, die ich verwirklichen konnte.

Die Gedenkveranstaltung am 13. April hätte ohne diese Initiativen und Aktionen nicht stattfinden können. Ich bin stolz, dass ich meiner Heimatstadt diesen Dienst erweisen konnte.

Am Anfang als Einzelner, weil keiner ausräumen wollte, was über Jahrzehnte zuvor an Befindlichkeiten aufgebaut und durch alle möglichen Ausreden auch nach der Wende verdrängt wurde. Als sich ein Gelingen abzeichnete, sprang ein ganzer Hofstaat auf einen fahrenden Zug. Ich habe das in Kauf genommen.

Ich danke all denen, die ehrlichen Herzens dabei waren und sind.

Diese Zeilen wären nicht von mir, wenn nicht auch Kritik dabei wäre. Ein gut funktionierendes Organisationsteam kam erst ins schleudern, als der Form halber das Rathaus einbezogen werden mußte. Einzelheiten will ich mir ersparen.

Ignoranz und Kleingeist werden wohl am treffensten deutlich, wenn man sich die Internetpräsentation der Stadt unter www.weissenfels.de zu diesem Thema anschaut:

Ein Rückblick auf die Gedenkveranstaltung endet dort mit einer Bilderschau zu diesem Ereignis. Im Mittelpunkt steht quasi als Zeremonienmeister und selbstinszenierte Hauptperson OB Manfred Rauner inmitten hoher Militärs und sonstger Würdenträger.
Das letzte Bild zeigt das wichtigste Objekt dieses Tages: Die Gedenktafel.

Sie entstand durch meine Initiatve. Ich habe für sie monatelang gearbeitet und gestritten und geworben.Es war mir ein Bedürfnis.Ich habe für sie bei der Denkmalschutzbehörde des Landesverwaltungsamtes das Antragsverfahren durchgestanden und abgeschlossen.Ich habe Angebote eingeholt.Ich habe es riskiert sämtliche Kosten allein trage zu müssen.Ich habe Sponsoren gesucht und gefunden. Ich habe mit allen Beteiligten um jedes Wort der Inschrift gerungen. Ich habe letztlich die Rechnung für die Herstellung und Anbringung beglichen. Für mich ist und bleibt es einfach "meine Tafel". Wer mich kennt weiß, dass ich kein Eigenlob betreibe. Mir geht es um die Sache und ich stehe auch in dieser Form für Offenheit und Ehrlichkeit.

Im o.g. Rückblick aus dem Rathaus taucht der Name Arps nicht auf, nicht einmal im Zusammenhang mit dem Arps-Verlag. Wer dem Rauner´schen Hofstaat nicht entspricht, wird einfach ignoriert.

Zugegeben: Ich habe nichts anders erwartet von Akteuren, die sich auch in anderen Zusammenhängen immer wieder mit fremden Federn schmücken, weil es an eigenen Leistungen mangelt.
Im Impressum der Web-Seiten aus dem Rathaus ist zu lesen, dass die veröffentlichten Inhalte sorgfältig recherchiert sind - welch ein Hohn.Wer für die Stadtgeschichte nicht unbedeutende Vorgänge in dieser Weise darstellt, betreibt etwas, was gegen den Geist dieser Veranstaltungen wirkt. Auf dem Weg der Aufarbeitung verborgener, verdeckter und vesteckter Wahrheiten unserer Stadtgeschichte werden gleich wieder die Pfade der Vergangenheit beschritten.Es wird verschwiegen und verdeckt. Denn eine wichtige Botschaft nach außen ist die Tatsache, dass es privates Engagement gibt - auch bei solchen Themen, dass Bürger aus freien Stücken und aus eigener Überzeugung etwas durchsetzen können. Es sind Beispiele, die Mut machen können. Wer sie verschweigt, verfälscht schon wieder die Geschichte.
Das selbst erlebte Beispiel ist das überzeugenste Argument gegen einen Kleingeist, der unserer Stadt nicht gut tut und wertvolle Potenzen hemmt. Auch deshalb habe ich das aufgeschrieben. Auch für die, die ähnliche Erfahrungen gemacht und nicht die Möglichkeit der offenen Erklärung haben. Machen wir gemeinsam weiter.Trotzdem oder gerade deshalb. Dann werden wir auch wieder bessere Zeiten in dieser Stadt erleben.


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