[06.03.2009]
Die Scheinheiligen – Teil 3
Oder: Was Propagandisten so anrichten.

Liebe Leserinnen und Leser,

die aktuellen Ereignisse überschlagen sich derart, dass ich immer mehr Themen nach hinten schieben muss. Zunächst liegt mir Daehre in der Quere, was auch damit zu tun hat, dass sich der Zeitungsverbund MZ/Wochenspiegel immer mehr unserem Bevölkerungsschwund anpasst. Der nämlich hat neben dem quantitativen im zunehmenden Maße auch einen qualitativen Knick nach unten – mit dem Ergebnis, dass nun auch der Wochenspiegel mit seinem „wm“ im steigenden Maße dass Ressort Kommunalpolitik übernimmt.

Der Trend ist erkennbar: „Bezahl“- Zeitungen lassen sich immer schlechter absetzen. Wohin also mit den Druckkapazitäten? Kostenlose Werbeblätter! Da muss natürlich Werbung rein. Danach schreit die Wirtschaft. Obrigkeitshörig bedeutet das bei den Schreiberlingen: CDU.
Und die muss man dann eben hegen und pflegen. Wenn sich die Strategen da mal nicht schon seit langem verrechnen.

Wenn also „wm“ mit dem Minister- Zitat „Weißenfels ist auf dem richtigen Weg“ in der letzten Ausgabe Schlagzeilen macht, muss man im doppelten Sinne auf die Scheinheiligen achten.

Damit keiner auf falsche Gedanken kommt, werden die Erklärungsmuster gleich mitgeliefert. So ergießt sich eine beflissene Lobeshymne über den Leser, die den wahren Zustand der Weißenfelser CDU verschleiern soll. Die liegt nämlich seit gerauner Zeit lädiert am Boden. Der übrigens lugt auf einem Bild aus der Firma Jänicke in der Nähe von Drahtgittern schon wieder in die Kamera.

Als Verschleierungsversuche für dies und jenes müssen nun der Dornröschenschlaf in den ersten Jahren nach der Wende herhalten, das wunderschöne Fürstenhaus, das wunderschöne Schloss, die klugen Entscheidungen des Stadtrates für die IBA und die lobende Erwähnung, dass in Weißenfels auch die Bevölkerung mitwirken kann. Na Toll!

Natürlich kein Wort über diverse Mittelverschwendungen, unsinnige Planungen, das teuerste Standesamt der Bundesrepublik, die Vernichtung historischer Bausubstanz, Rechtsbeugungen in der Marienstraße, Discount- Valley und eine seit Jahren angeschlagene IBA, die von Beginn an ein Akzeptanzproblem hat und noch nie wirklich überzeugen konnte. Das trifft nicht nur für das Beispiel Weißenfels zu. Da könnte ich eine Menge schreiben.

Der hochgesteckte Anspruch des modellhaften Umganges mit schrumpfenden Städten konnte am Ende nur über die Druckkulisse der zweckgebundenen Fördermittel am Leben erhalten werden und zeigt in Weißenfels geradezu die Umkehr wesentlicher Erkenntnisse des modernen Stadtumbaues. Ich will den ganzen Brei nicht wieder aufrühren. Steht im Archiv.

Und Herr Minister Daehre?

Dem Bekenntnis: „Weißenfels ist die Barockstadt Sachsen- Anhalts“ folgten diverse Abrisse im Barockzentrum - und dem Spruch über die lobenswerte Bürgerbeteiligung in Weißenfels muss man die Minister- Worte: Städter müssen wissen, dass Schweine nun mal etwas riechen.“ entgegenhalten.
Den Rest sollte er in der Internetseite der Bürgerinitiative Pro Weißenfels nachlesen.

Und nun zum Sachsen- Anhalt- Tag.

Vorbemerkungen: Es geht nicht um den historischen Raum
Sachsen- Anhalt. Dessen Tradition reicht bis weit in die Anfänge der deutschen Geschichte. Das Land Sachsen- Anhalt existierte nur von 1947 – 1952 und wurde dann von der DDR aufgelöst.

1990 war das Jahr der Wiedergeburt. Anders als die Nachbarländer Sachsen und Thüringen konnte hier nicht mit Leuten wie Biedenkopf und Vogel als Ministerpräsidenten aufgewartet werden. Von Beginn an leidet dieses Land am schlechten Ruf der roten Laterne. Mal mehr, mal weniger, in allen wesentlichen Statistiken bundesweit auf das letzten Plätzen. Arbeitslosigkeit, Bevölkerungsschwund, Wegzug junger Leute, Lehrer und anderer hier ausgebildeter Fachkräfte, Fehlinvestitionen, Fehlverwendung von Solidarpaktmitten in Größenordnungen, finanzielle Verschuldung, Skandale, Pfusch und Schlampereien oder politisches Versuchsfeld mit diversen Rohrkrepierern – eine unendliche Geschichte. Aktuelle Schlagworte wie Flugplatz Cochstedt, Elbe-Saale-Kanal oder Müllskandal stehen für zig Millionen verschlamptes Geld und politische Unfähigkeit und Ignoranz. Und in Magdeburg streiten sich die politischen Akteure von je her um die Posten.
Das Alles ist ja leider nicht übertrieben. Woher soll also eine innere Verbindung, eine Identität der Bürger zu diesem Land kommen? Das ist die Frage.
Kommt mal einer, wie gegenwärtig Finanzminister Bullerjahn und meint, dass an einer Fusion mit Sachsen und Thüringen eigentlich kein Weg vorbei führt, kommt postwendend die politische Opposition und unterstellt Ablenkungsmanöver. Sicher ist, dass eine solche Fusion kommen muss und wird und jedes Jahr auf dem Weg dahin ein verlorenes Jahr ist.

Liebe Leserinnen und Leser,
ich meine, Sachsen- Anhalt-Tag, Landesgartenschau und ähnliche Feste müssen auch und besonders unter solchen Aspekten betrachtet werden.

Das Ganze ist also nicht eine Frage nach dem „Herzblut“, sondern nach den ökonomischen Verhältnissen eines seit seiner Existenz fragwürdigen Föderalsystems, dass in diesem Bundesland quasi den Exzess erlebt.

Die genannten Feste sind also nichts als Werberummel für Städte und Regionen und am Ende eine Kosten- Nutzen- Frage. Und auch die ist sehr umstritten. Warum, unter welchen Umständen und wofür eigentlich der Stadtrat sich seinerzeit entschieden hat, könnten Protokolle und andere Unterlagen erhellen – aber darum geht es den Strategen ja eigentlich nicht wirklich.

Der aktuelle Haushalt ist das Thema und die Tatsache, dass der in seiner Gesamtheit momentan zur Disposition steht. Warum das so ist, dazu ist alles gesagt und geschrieben. Wer also in dieser Situation Konsolidierungsvorschläge einbringt, die in ihrer Konsequenz die Durchführung des Sachsen- Anhalt-Tages gefährden, muss sich nicht wundern, wenn der OB solchen Strategen genau das vorhält. Mehr ist eigentlich nicht passiert. In der Absicht, den OB zu beschädigen, haben einige Schüsse abgefeuert, die nach hinten losgegangen sind. Das hat auch seinen Vorteil. Das ganze Land kennt nun besser die Weißenfelser Verhältnisse und denkt darüber nach, worum es eigentlich wirklich geht: Kann man Feste feiern, die man sich wegen Verschuldung gar nicht leisten kann – und wenn ja, unter welchen Bedingungen? Diese Frage steht, seit und so lange es solche Feste gibt.

Wenn eine Frau Schmuck im MZ- Beitrag den OB zitiert „Es gibt ernsthafte Überlegungen das Ganze abzusagen.“ und dann daraus die Schlagzeile „Risch will… verzichten“ macht – und ein Herr Zentner in das gleiche Horn bläst, der schadet vor allem sich selbst und seiner Zeitung. Und das ist gut so.
Wenn Sie sich über das Niveau der beiden hinaus informieren wollen, dann gehen Sie bitte zu www.mdr.de/mediathek/weissenfels. Dort können Sie den TV Beitrag zum Thema abspielen.


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