[11.11.2009]
Heute und vor 20 Jahren
Über das Goethegymnasium bis zur Ingenieurschule

Liebe Leserinnen und Leser,
es ist wie mit allen Gutachten: Der Auftraggeber wird wunschgemäß beliefert. Genauso verhält es sich mit Umfragen jeglicher Art. Besonders beim Thema Mauerfall und Folgen:
Zufrieden? 86% aller Deutschen sagen Ja! Wieder her mit der Mauer? 12% sagen Ja!
DDR- ein Unrechtsstaat? 78% sagen Ja! Teilweise mit beträchtlichen Unterschieden zwischen Ost und West. Alles ist mit Vorsicht zu genießen, denn immer wieder geht es darum, wer wen, was, wie, wann und warum befragt.
Die Antworten sind auch und vor allem momentane Stimmungsbilder. Angesichts der aktuellen Jahrhundertkrise mit immensen Entartungen der sozialen Marktwirtschaft verwundert es natürlich nicht, wenn 48% aller Deutschen der Meinung sind, dass die
Gesellschaft ungerechter geworden ist. „Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat“ sagte einst die Bürgerrechtlerin Bärbel Boley. Recht hatte sie und dieser Rechtsstaat ist trotz aller Kritik das Beste, was in diesem Bereich weltweit so praktiziert wurde und wird.
Ich habe 16 deutsche Tageszeitungen vom 09.11.09 gelesen. Sie reflektieren im Wesentlichen eine deutlich überwiegende Zufriedenheit hinsichtlich der Ergebnisse der deutschen Wiedervereinigung. Auch im Osten. Es hätte einiges besser laufen können, wenn man Teile der DDR- Realitäten übernommen hätte – hinsichtlich der Effizienz eines Erziehungs- und Bildungssystem zum Beispiel. Damit meine ich allerdings nicht die in der DDR praktizierte einseitige Geschichtsaufarbeitung nach dem berühmt- berüchtigten „Klassenstandpunkt“ der SED und des Ehepaares Honecker. Genau daran fühle ich mich allerdings erinnert, wenn ich in der MZ vom 09.11. 2009 einen Artikel lese, in dem davon berichtet wird, dass Schüler des Goethegymnasiums mit Lehreranleitung „historisch unterhalten“, um ihren Abiball zu finanzieren. Mit FDJ-Gruß und einstudierten Liedern der Thälmannpioniere. Bild mit singenden Pionieren und Halstuch inbegriffen. „Mit einer fünften Klasse habe ich drei Pionierlieder einstudiert. Das soll natürlich keine politische Propaganda sein, sondern einfach Erinnerungen wachrufen“, sagt eine Lehrerin dazu lachend.

Wenn schon erinnern, dann bitte schön auch an die Lieder und Geschichten von Wolf Biermann. Der in der DDR zwangsweise ausgebürgerte Liedermacher war wenige Tage zuvor in Halle aufgetreten. Im Volkspark – an jenem Ort, an dem 1925 der „Kleine Trompeter“ erschossen wurde. Ob ihm das eine kleine öffentliche Erinnerung wert sei, wurde Biermann in der MZ vom 07.09.09 gefragt:
„Nein, denn ich kenne die wirkliche Geschichte zu gut…Ideologische Babynahrung für die Jungen Pioniere in der DDR. Das sentimentale Kitschlied vom kleinen Trompeter war offenbar ein Lieblingslied Walter Ulbrichts…“
Auch sonst hatte Biermann, wie gewohnt, kein Blatt vor den Mund genommen.
Zur Revolution von 89: „Eine Revolution ohne Revolutionäre war das.“ Wenn er recht haben sollte: Führt das dann in eine „Demokratie ohne Demokraten“? fragt daraufhin der Artikelschreiber sich und den Leser. Interessante Themen und genügend Lehrstoff für alle Schulen, wie ich meine! Und: Mit Biermannliedern könnte man auch Geld für einen Abiball einspielen. In Halle gab es jedenfalls stehende Ovationen.

Liebe Leserinnen und Leser, die Frage wurde in den letzten Tagen in allen Medien gestellt und tausendfach beantwortet: „Erinnern Sie sich persönlich an diesen Tag? Was haben Sie am 09.11.89 getan und gedacht?“ Auch ich saß vor der „Glotze“ und konnte nicht so recht glauben, was Schabowski da von sich gab. Als dann klar wurde, dass es kein Traum war, setzte ich mich zusätzlich motiviert wieder an meinen Schreibtisch und arbeitete weiter an meinem Beitrag für ein Konzept zur Erneuerung der Ingenieurschule für Lederverarbeitungstechnik, an der ich seit 1971 als Lehrer tätig war. Schon einige Zeit vor dem 09.11.89 war eine Gruppe von progressiven Lehrkräften, Angestellten und Arbeitern dabei, die Umgestaltung anzupacken. Gorbatschows Perestroika hatte Schule gemacht. Gegen den Willen der immer noch allgegenwärtigen SED- Führung.

So ging es dann bei uns auch schneller als an manch anderen Schulen und Einrichtungen. Bereits am 11.11.89 richtete sich Dr. Ruppe als Lehrer mit einem offenen Brief an die Leitung und das Gesamtkollektiv der Schule. Gegen den Führungsanspruch der SED, für Vertrauen, für Leistung. „Ich fordere vom Direktor der Ingenieurschule, Bedingungen zu schaffen, unter denen kein Leiter seine Unfähigkeit hinter der Fähigkeit seiner Mitarbeiter verbergen kann…
Analysieren Sie gründlich und finden Sie die Schwachstellen auch in unserem Kollektiv… Unsere Leiter müssen vom Kollektiv wählbar und absetzbar sein…“

Am 16.11.89 fand daraufhin eine Vollversammlung statt, in der beschlossen wurde, umgehend eine Neuwahl der Gewerkschaft als wirkliche Interessenvertretung aller Beschäftigten durchzuführen. Diese Wahl fand am 27.11.89 statt.
Von 113 Mitgliedern wurden bei einer Wahlbeteiligung von 70,1% 13 der aufgestellten Bewerber in die neue Leitung gewählt. Von dieser neu gewählten Schulgewerkschaftsleitung wurden für die Wahl des Vorsitzenden drei Kandidaten vorgeschlagen. Ich war dabei.
In geheimer Wahl wurde dann der Leiter dieser Interessenvertretung gewählt – der erste frei Gewählte seit der Existenz dieser Schule.
Im letzen Satz des Originalprotokolls ist dazu vermerkt:
„Damit erreichte Koll. Arps im ersten Wahlgang die einfache Mehrheit von 50,5 % und ist damit Vorsitzender der Schulgewerkschaftsleitung.“
Ich bin bis heute stolz auf dieses Ergebnis, denn beteiligt an dieser Wahl waren auch straffe Gegner, die natürlich meine Wahl verhindern wollten. Leute, mit denen ich über viele Jahre einen Kampf auf dem Grat zwischen den Zwängen einer beruflichen Existenz einerseits und den inneren moralischen und politischen Grenzen andererseits ausgefochten hatte. Bis hin zu Drohungen und Erpressungsversuchen durch die Stasi. In Zeiten, in denen an eine deutsche Wiedervereinigung nicht ansatzweise zu denken war.
Aus meiner Stasi- Akte und dort besonders aus Bemerkungen des Chef-Spitzels „Dr. Stein“ (Deckname, Klarname ist mir bekannt) weiß ich, wie nahe ich daran war, wegen dieses Kampfes meinen Beruf und mehr zu verlieren.
Der Kampf um die Rettung der Ingenieurschule ging zügig weiter. An allen Fronten. Wir warben in Ministerien von Berlin und Bonn bis Magdeburg. Wir reisten in Betriebe, Kombinate und Konzerne in Ost und West. Zwischenzeitlich wurde nach Schaffung der gesetzlichen Grundlagen der erste Personalrat gewählt. Auch hier bekam ich das Vertrauen meiner Kolleginnen und Kollegen und wurde Vorsitzender.

Trotz aller weiteren intensiven Bemühungen war die Schule weder als Ingenieur- noch als Techniker- und gleich gar nicht als Fachhochschule zu retten. Trotz guter Ausbildung und bester internationaler Erfahrungen im Bereich Studentenaustausch: Es sollte nicht sein!
Die gerade abgeschlagenen Krakenarme der politischen Inkompetenz waren schneller nachgewachsen, als es zu erwarten war. Ich konnte in dieser Phase fast im Alleingang noch organisieren, dass einer Gruppe von mongolischen Studentinnen eine materielle Existenzgrundlage, vor allem aus dem Bestand der bereits niedergehenden Schuhindustrie in Weißenfels, gesichert wurde. Mit Gleichgesinnten konnte ich eine komplette Maschinen- Geräte- und Materialausrüstung für den Aufbau einer Schuhmanufaktur in Ulan- Bator und alle dafür erforderlichen Finanzen auftreiben. Sogar die Bild- Zeitung hatte mir damals für dieses Anliegen fast eine ganze Seite gewidmet und damit zum Erfolg beigetragen.

Aus der Ingenieurschule wurde immerhin die heutige Berufsschule.
Ein Trost für mich: Ihr Leiter ist bis heute Dr. Ruppe. Der Mitstreiter mit dem offenen Brief vom 11.11.89 – heute vor zwanzig Jahren. Ich persönlich hatte 1995 die Möglichkeit, mich selbstständig zu machen und habe sie ergriffen. Ich habe das nie bereut – im Gegenteil:
Meine Lust und Freude an einer Lehrertätigkeit, trotz der vielen Unannehmlichkeiten, denen man über viele Jahre auch als Lehrer für rein technische Lehrgebiete ausgesetzt war, hatte nach 24 Jahren ihren Tiefpunkt erreicht. Zu einer Zeit, in der ich das Gegenteil erhofft hatte. Der ehemaligen Ingenieurschule für Lederverarbeitungstechnik werde ich innerlich mein Leben lang verbunden bleiben. Ich arbeite weiter an ihrer Chronik – gegen das Vergessen.

Liebe Leserinnen und Leser, all das wollte ich heute loswerden. An einem solchen Tag ist ein Stück eigene Geschichte auch immer ein Stück gesamtdeutscher Geschichte und ich bin sicher, dass viele von Ihnen ähnliches schreiben und erzählen könnten.

Ihr Hartwig Arps


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