[17.04.2010]
65 Jahre Kriegsende in Weißenfels – Kriegsbeginn in Afghanistan

Die Deutschen und Kriege- ein unsägliches und offenbar unendliches Thema. Über das frenetische Geschrei nach dem totalen Krieg unter Hitler bis zu den Rufen „Internatio-naale So-li-da-ri-tät“ der DDR- Mitläufer bei diversen Vorbeimärschen an den Ehrentribünen der SED- Prominenz anlässlich des Einmarsches der sowjetischen Truppen in Afghanistan 1979 spannt sich ein weiter Bogen über dieses Thema, der vorerst mit der Meldung über vier weitere tote Deutsche Soldaten nach einem Taliban- Angriff in Baghlan einen aktuellen Tiefpunkt erreicht hat.

10 Jahre dauerte das Drama der sowjetischen Invasion. 115 000 Mann rückten ein und am Ende gab es 1-1,5 Millionen Tote, davon 15 000 gefallene sowjetische Soldaten. 5 Millionen Menschen wurden vertrieben. Opferzahlen, die nicht so bekannt sind wie die zum Zweiten Weltkrieg mit insgesamt 50 Millionen Toten.
Das war in Zeiten des kalten Krieges und ist nicht ansatzweise mit dem zu vergleichen, was da heute in Afghanistan abläuft. Ganz abgesehen von den immensen politischen Fehlern aller Beteiligten und von der Schande, dass Deutschland als einer der größten Exporteure modernster Waffensysteme die eigene Armee technisch so verkommen lässt, kann man heute noch am ehesten von internationaler Solidarität reden, wenn es darum geht, ausgestattet mit einem UN-Mandat, im Kampf gegen die terroristische Bastion der Taliban militärisch vorzugehen, um den Wiederaufbau des Landes zu schützen.
Wer heute einen sofortigen Truppenabzug fordert – und viele der altkommunistischen Abnicker von damals sind dabei – hat nicht nur nach meiner Auffassung nichts aus der Geschichte gelernt.
Aber sie haben Erfolg mit ihrer Propaganda. Die Ablehnung der Bevölkerung steigt. Nach den letzten Toten sind nur noch 26% für den Verbleib der deutschen Soldaten. Über untaugliche Wahlkampffloskeln hinaus kann man konkrete Argumente relativ wenig lesen und hören. Fragt man in Weißenfels konkret nach, kann man, öfter als mancher vielleicht glaubt, folgendes hören:
„Solln dies’ch doch jejenseitch de Köppe einschlachn. Mir hilft doch hier och keener. Das Jeld kennt mor hier dringender jebrauchn. Den Kriech soll’n de Ammis doch selber machen. Das sinn soweso wie immer de eenzchen, die dran vordienen.“

Gott sei Dank, kann man von der Mehrzahl derzeitiger Spitzenvertreter aus Politik und Medien angemessene Reaktionen vernehmen.
Bundeskanzlerin Merkel aktuell: „Unsere Soldaten helfen uns, damit wir in Deutschland sicherer leben können. Sie sind dort für die Sicherheit der Afghanen und für die Sicherheit der westlichen Welt.“

In der WELT vom 16.4. schreibt Thomas Schmid. „Die Taktik des Durchlavierens ist spätestens jetzt wohl gescheitert. Es ist gut, dass auch die Bundeskanzlerin das Wort „Krieg“ zu erproben beginnt. Jetzt aber ist etwas gefragt, was Angela Merkel nicht eben liegt: die argumentative Offensive. Die abgeneigte Mehrheit der Deutschen muss von ihr direkt angesprochen, muss überzeugt werden. Das Thema Afghanistan muss in die Öffentlichkeit, auf die Marktplätze. Die Wahrheit ist am Ende stärker, als die Furcht vor dem Souverän.“

Ich kann an dieser Stelle nur hinzufügen und daran erinnern, dass diese argumentative Offensive besonders durch das verkommene deutsche Bildungssystem mit all seinen jahrzehntelangen Unzulänglichkeiten erschwert wird und einen Teil der Angst vor dem Souverän begründet. Die Aufgaben sind wie immer sehr komplex.

Liebe Leserinnen und Leser,

damit bin ich bei der Gedenkfeier vom 13. April anlässlich der Befreiung vom Hitlerregime 1945 in Weißenfels durch die 69. Infanteriedivision der US-Army.
Insgesamt hat diese Veranstaltung nicht nur mich teilweise enttäuscht. Gedenken im Doppelpack in einer Veranstaltung. Erst die jüdischen, dann die amerikanischen Opfer. Getrennt durch eine kleine Pause, damit die Gedenkkarawane von einer Ecke des Schlosshofes in die andere umziehen kann. Kommt demnächst das Ganze vielleicht dreifach?
Wissen die Planer und Initiatoren solcher Veranstaltungen wirklich was sie tun? Ich habe da so meine Zweifel und meine, dass gute Absichten allein nicht ausreichen.

Was wir brauchen wäre beispielsweise eine Dauerausstellung zum Gedenken an alle Opfer. Mit konkreten lokalen Bezügen und einer Regelung zum Pflichtbesuch für Schüler aller Schulen und Klassen. Mit engagierten Lehrern, die kreativen Unterricht zu diesem Thema planen und umsetzen wollen und können.
„Wir Deutschen sind es den Opfern schuldig, den nächsten Generationen Wahrheit und Wissen weiterzugeben“, sagte Oberbürgermeister Robby Risch.
James P. Federline als Vertreter der U.S. Army Garrison Grafenwöhr erinnerte in seinem Redebeitrag an die Feier vor 5 Jahren, an der U.S.- Veteranen der Kämpfe um Weißenfels bei der Einweihung der Gedenktafel teilnahmen:
“Aufgrund des hohen Alters wird es wohl nicht mehr lange möglich sein, sie hier in Weißenfels begrüßen zu können und ihnen für ihren Einsatz zur Beendigung des furchtbaren Krieges zu danken. Jedoch wollen deren Kinder und Kindeskinder die Tradition ihrer Väter und Großväter weiter tragen. Aus Veranstaltungen wie diese sind feste Freundschaften entstanden. Wir müssen unsere Jugend unterstützen in ihrem Bemühen, die Kultur und Geschichte weiter leben zu lassen und zu verstehen, dass so ein Geschehen nie mehr passieren kann auf deutschen Boden. Damit tragen wir zu einem partnerschaftlichen Miteinander unserer beiden Länder bei.“
Damit war das Wichtigste gesagt. Kränze wurden unter den Klängen des Heeresmusikkorps niedergelegt. Vor einer gepflegten Gedenktafel mit folgender Inschrift:

Zu Ehren der 69.Infanteriedivision der U.S. Armee und zur Erinnerung an die Gefallenen beider Seiten in den Kämpfen um Weißenfels vom 12. bis 15. April 1945

Und weil das für Weißenfelser Verhältnisse durchaus nicht die Regel ist, wünsche ich für die Tafeln des Geschichtspfades zur Erinnerung an die Schicksale verfolgter Juden in Weißenfels, an markanten Stellen innerhalb der Stadt, einen ebensolchen Erhaltungszustand für lange Zeit.

Abschließend empfehle ich zum Thema noch folgende Beiträge

Leider ist der Titel von Jürgen Möller: „Die Stadt Weißenfels im April 1945 – Einnahme durch die 69. US Infantry Division“ bereits in der 3. Auflage vergriffen.
Die 4. erweiterte Auflage mit weiteren Ergänzungen durch Augenzeugen ist in Arbeit und wird im 2. Halbjahr 2010 erscheinen.

Ihr Hartwig Arps


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