[05.06.2010]
Der nächste Bundespräsident muss ein Eichelhäher sein!
Frei nach „ZIPPERT zappt“, DIE WELT, 4. Juni 2010

Beobachtet man die Diskussionen um die Nachfolge von Horst Köhler, fragt man sich unwillkürlich: Warum eigentlich kein Tier? Ein Tier als Bundespräsident, das wäre jetzt genau die richtige Botschaft an eine immer stärker verunsicherte Natur, damit würde man aber auch den Märkten eine Rückkehr zu einfachen und ursprünglichen Werten signalisieren. Vielleicht ist auch eine Frau oder ein Niedersachse als oberster Repräsentant geeignet, aber besser wäre ein Tier, gerne auch ein Weibchen aus Niedersachsen.

Wir plädieren für den Eichelhäher. Er überzeugt durch seinen selbstbewussten Auftritt in Vorgärten und Vogelhäuschen, und, was viel wichtiger ist, er gilt als der „Warner des Waldes“. Das ist ja eigentlich die Hauptfunktion eines Bundespräsidenten: Er mahnt und warnt und warnt. Wie der Eichelhäher, der darüber hinaus aber noch durch ein buntes Federkleid besticht. Der Eichelhäher legt umfangreiche Nahrungsdepots an und könnte in Notzeiten das ganze Kabinett mit schmackhaften Bucheckern und Engerlingen versorgen. Dieser Vogel ist alternativlos, und darum fordern wir: Der nächste Bundespräsident muss ein Eichelhäher sein!
Der könnte dann auch nach Weißenfels fliegen. Da war schon mal einer. Der Ort liegt im Schlaraffenland. Da, wo die Politiker immer müde sind, weil sie zu früh aufstehen. Wo die Bürger Straßen bezahlen und Rosinenbauten erhalten. Er könnte sich auf einem komfortablen Bau dieser Art niederlassen. Er könnte gemütlich sitzen, Rosinen picken und mahnen und warnen. Unter ihm eine Herde von Schafen und Schweinen. Viel Arbeit für den Eichelhäher. Er hätte nur ein Problem: Die Saatkrähen. Das sind die, die sich gegenseitig kein Auge aushacken. Sie stehen wie der Eichelhäher unter Artenschutz. Sie haben sich den Rosinenbau geschaffen und verteidigen ihn. Viele Krähen wären des Eichelhähers Tod. Notfalls könnte er weiterfliegen im Schlaraffenland. Nach Halle, in einen Stadthafen ohne Saalekanal. Idylle mit vielen Bucheckern, Engerlingen und kleinen Fischen. Sollte er als Mahner und Warner auch von dort vertrieben werden, bliebe Cochstedt. Ein neuer Flughafen, den keiner so richtig will. Aber auch hier droht Gefahr: Tiefflieger! Ein ungleicher Kampf. Da hätte er im Schlaraffenland keine Chance. Wohin also? Zurück nach Berlin, auf das Stadtschloss? Aber auch da lauern die Saatkrähen. Vielleicht bliebe am Ende nur ein Ratschlag für den armen Eichelhäher: Sturzflug auf den Bundestag! Ob das helfen würde? Vielleicht könnte er andere zum Mitmachen überreden? Dann hätten wir aber keine Eichelhäher mehr. Wie auch immer: Schade!
Vielleicht es gibt eine neue Gauckelei. Dann könnten wir noch mal Glück haben. Deutschland mit seinen Schafen, Schweinen und Eichelhähern.

H. Arps


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