[26.07.2010]
Nadelöhre

Mittwoch 21.07. Am Stammtisch der Bürger für Weißenfels im Centra am Markt wird wie immer über aktuelle Themen diskutiert. Eines davon: Sachsen-Anhalt -Tag und die letzten diesbezüglichen Verlautbarungen der Organisatoren. Rund 200 000 Besucher werden demnach erwartet (es war auch schon mal die Rede von 250 000 - aber wer will das auch so genau wissen?!) und es ist damit zu rechnen, dass ein nicht geringer Teil davon mit der Bahn anreisen wird. So kommt die Runde schnell zum Thema Pfennigbrücke, über die sich vermutlich ein großer Teil der Besucher über die Saale in die Innenstadt bewegen wird. „Hoffentlich marschieren die dabei nicht im Gleichschritt“ wirft einer ein und weckt bei Altgedienten die Erinnerung an das Gleichschrittverbot beim Überqueren von Brücken wegen gefährlicher Resonanzschwingungen. Die Diskussion zu diesem Punkt verliert sich dann in allgemeinen Sicherheitsfragen, die von Organisatoren solcher Volksfeste beachtet werden müssen.

Liebe Leserinnen und Leser,
normalerweise wäre das hier kein Thema. Angesichts der unglaublichen Vorgänge zur Loveparade in Duisburg vom Sonnabend bin ich allerdings erschrocken und nehme einen derartigen Zufall zum Anlass für einige Überlegungen:

Duisburg als hoch verschuldete Stadt hat mit „The Art of Love – Loveparade 2010“ ein imageträchtiges Projekt umgesetzt und dabei offenbar wesentliche Sicherheitsbedenken missachtet. Bochum hatte im Vorjahr wegen eben solcher Bedenken abgesagt. Neben den diversen Medienberichten kann man besonders über das Internet haarsträubende Berichte lesen. Polizei und Feuerwehr hatten vergeblich gewarnt: vor dem zu kleinen Gelände, vor der Rampe, vor dem Tunnel als Nadelöhr – und wurden dann vor vollendete Tatsachen gestellt.
Die Druckkulisse, die die Veranstalter mit dem propagierten Imagegewinn als
&Kulturhauptstadt“ aufgebaut hatten, war enorm. Experten und Gutachter gaben die Sache am Ende frei. Was dann passiert ist, war so nicht absehbar und höchst unwahrscheinlich, sagte ein Gutachter vor der Kamera. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung gegen unbekannt. Die Loveparade ist für alle Zeiten abgesagt.

Panik ist nicht vorhersehbar. Sie ist ein massenpsychologisches Phänomen, das sich in Windeseile ausbreiten kann. Es ist die nackte Angst, ausgelöst durch die drängende Menschenmasse. Es bleiben viele Fragen für die Ermittlungsbehörden:
War das Gelände für die über eine Million Menschen zu klein? War es unverantwortlich den Zugang durch einen einspurigen Tunnel zu leiten? Stimmt es, dass ausweichende Besucher von der Polizei in den Tunnel zurückgeschickt wurden? ...

Noch 25 Tage bis zum SAT in Weißenfels. Ich stelle folgendes Szenario zur Diskussion:
Vom 20. bis 22. August laufen aus verschiedenen Richtungen Züge in Weißenfels ein. Je nach Wetterlage kann es zu besonderen Konzentrationen von Tagesgästen kommen. Tausende kommen an und wollen auf dem kürzesten Weg in die Innenstadt. Der führt über die dem Bahnhof nahe liegende Pfennigbrücke. Gleichzeitig kommen Gäste von den verschiedenen Aktivitäten auf den Badanlagen und dem Uferbereich der Saale. Sie wollen weiter in die Innenstadt. Gleichzeitig kommen Besucher aus der Neustadt durch den Fußgängertunnel unter den Gleisanlagen der Bahn und drängen ebenfalls in das Festgebiet in der Altstadt jenseits der Saale. Andere wollen in die jeweilige Gegenrichtung. Es kommt zu Staus und Gedränge. Die Pfennigbrücke erreicht ihre Belastungsgrenzen. Sie schwingt merkbar. Panik bricht aus…
Unwahrscheinlich, dass es so kommt. Wir haben ja zwei Brücken, über die sich die möglichen Massen in beide Richtungen bewegen können. Die sind durch die Bahnhofstraße verbunden. Verschiedene Besucherinformationen werden veröffentlicht, Hilfskräfte, Einweiser, Infostände werden zur Verfügung stehen. …

Trotzdem stelle ich rein vor- und fürsorglich folgende Fragen:
Existieren Planspiele der Organisatoren, die solche Szenarien enthalten und wurden Maßnahmen daraus abgeleitet?
Wie wird abgesichert, dass die speziellen Belastungsdaten unserer beiden Brücken nicht überschritten werden?
Ist eine diesbezügliche Überwachung und Kontrolle vorgesehen?

Rein vor- und fürsorglich werde ich diesen Text an unseren Oberbürgermeister Herrn Robby Risch und an den Staatssekretär im Innenministerium Herrn Rüdiger Erben per E-Mail senden.
In Duisburg sind 19 Menschen ums Leben gekommen, viele wurden zum Teil schwer verletzt. Nun werden die Schuldigen gesucht. Tun wir alles, damit sich so etwas nirgendwo wiederholt – auch nicht ansatzweise.

H. Arps


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