[15.08.10]
Leid und Freud in der Jüdenstraße

Heute ist es drei Wochen her: Dach und Hofaußenwand des maroden Eckgrundstückes Saalstraße 21/Jüdenstraße stürzten ein. Obwohl seit Jahren schlimmeres zu erwarten war, kamen die Besitzer des Nachbargrundstückes Jüdenstraße 47 mit dem Schrecken davon. Das gesamte Gebäude drohte zusammenzubrechen. Akute Gefahr! Notabriss!
Meine Bilder vom Donnerstag zeigen die Trümmerhaufen und werfen Fragen und Probleme auf:
Man stelle sich vor, das Ganze wäre vier Wochen später passiert. Auf einen Rutsch und auf einen dichten Passantenstrom zum SAT. Ich will das nicht weiter ausmalen. Man könnte sagen: „Glück gehabt!“ Aber auch: „Glück hatten wir schon mit dem Absturz der Konsole in der Saalstraße!“ Oder: „Wie das so ist mit dem Glück…“

Hier drängt sich ein Problem auf, wie es im Schreiben der Fraktion Bürger für Weißenfels vom 02.08.10 an OB Risch benannt wurde: „Was uns zusätzlich Sorge bereitet: Der desolate Zustand vieler Gebäude in der Innenstadt und in den Zubringerstraßen, von denen eine objektive Gefahr für Leib und Leben ausgeht. Existiert hier ein „Gefahrenkataster“? Warum haben Bauordnung und Ordnungsamt diesen Zustand zugelassen und nicht über eine, „Ersatzvornahme“ letztlich eingegriffen?“
Antworten liegen bis dato nicht vor.

Nun zur Freud:
Herr und Frau Kunze als Grundstücksbesitzer der Jüdenstraße 47 mit dem dortigen Reisebüro „espresso“ sind trotz des Schreckens auch erleichtert. Zu sehr und zu lange hatte die bloße Existenz des Nachbarhauses die eigenen Sanierungsarbeiten behindert. Einsturz und Abriss zeigen deutlich, wie verwoben beide Grundstücke besonders im Dach- und Giebelbereich waren. Bis zum 2. Obergeschoß wird nun abgetragen und neu aufgebaut. Junge Leute als künftige Mieter einer Wohnung warten schon und eine zweite Wohnung oder möglicherweise Büroräume stehen dann ebenfalls zur Verfügung.

In einem Haus, das trotz der derzeitigen Umstände beim Betreten von Hausflur und Hof einen sehr aufgeräumten Eindruck macht. Mehr noch: Ein wunderschönes Portal von 1608 mit Insignien, die auf einen Hufschmied hindeuten, führt in einen kleinen Hofbereich mit einer beeindruckenden alten Mauer. Insgesamt eine Idylle mit Stadtgeschichte pur, die mich ins Schwärmen bringt. Herr Kunze hat darüber hinaus schon konkrete Vorstellungen für die Sanierung und Gestaltung der nun freistehenden Giebelwand.

Ein hervorragendes Beispiel für engagiertes Handeln in der Innenstadt. Die Arbeit im Reisebüro geht trotz der besonderen Umstände weiter und wir alle sollten angesichts solcher Ereignisse öfter daran denken, dass es in der Innenstadt von Weißenfels Geschäfte und Dienstleistungen gibt, die denen auf der grünen Wiese in Sachen Einsatz und Engagement zumindest ebenbürtig sind und darüber hinaus etwas bieten, was es hier sonst kaum noch gibt und auszusterben droht: Unverwechselbare Heimat!
Einige Bilder dazu hier.

Ich schreibe diese Zeilen auch in der Überzeugung, dass meine Söhne Uwe und Stephan umsetzen werden, was wir im Jahre 2000 mit dem Kauf des damals verkommenen
Union – Theaters in der Jüdenstraße begannen: Neben dem Cafe „Drei Schwäne“ auch ein kleines Boulevard-Theater zu schaffen - auch ohne Fördermittel, wenn es sein muss.
Darüber, über die Geschichte des Hauses und z.B. über 1000 alte Filmplakate aus der aktiven Spielzeit in der DDR, lesen Sie bitte in einer der nächsten Ausgaben.

Nun noch kurz zum anderen Eckgrundstück in der Jüdenstraße 1 / Kleine Kalandstraße: Man kann derzeit annehmen, dass die Verhüllunskünstler Christo anlässlich des SAT engagiert wurden. Es ist aber wohl eher davon auszugehen, dass es sich um eine potemkin`sche Verhüllung handelt, um das stadteigene Grundstück zu verstecken.
Bilder dazu hier.
Weitere Bilder über bedenkliche Zustände und Schandflecke in der Schlossgasse hier.

Liebe Leserinnen und Leser,
selbst unmittelbar beim fotografieren habe ich viel spontanen Zuspruch von interessierten Bürgern für meine Aktionen erleben können. Es dominiert die Meinung, dass die dargestellten Zustände leider zur Realität dieser Stadt gehören und nicht hinter Schmuckmotiven verborgen werden dürfen, dass es um fragwürdige Sicherheit geht und um ein Erscheinungsbild, für das wir uns alle schämen müssen. In großer Breite wird festgestellt, dass durch solche Zustände das Versagen von Politik und Verwaltung über Jahre verdeutlicht wird. Meine Aktionen in dieser Zeitung und die Aktionen der Bürger für Weißenfels werden positiv zur Kenntnis genommen. Wir werden besonders gegenwärtig als die einzige aktive kommunalpolitische Kraft in Weißenfels wahrgenommen. Ich danke für das große Interesse und wünsche uns vor allem einen sicheren Verlauf des SAT.

Wie hoch das Interesse an unseren Bemühungen ist, zeigen abschließend beeindruckende Bilder. Sie wurden mir von einem jungen Bürger unserer Stadt zugemailt, bei dem offensichtlich der Spaß an Computeranimationen und Heimatverbundenheit eine gute Einheit bilden. Dargestellt sind die Häuser in der Saalstraße und Visionen darüber, wie sie schon lange aussehen könnten - verbunden mit der Hoffnung, dass sie nicht das gleiche Schicksal ereilt, wie Nr.21. Hier die Bilder.

Ich denke in diesem Zusammenhang auch an Vorschläge der Fraktion Bürger für Weißenfels zu Veränderungen des IBA- Projektes schon vor Jahren. Wir nannten es zukunftsträchtig
+“ und bezogen vom Verfall bedrohte Teile der Innenstadt in das Projekt ein. Vergeblich. Dafür haben wir nun ein teuer saniertes E-Werk am Stadtrand, das nicht wirklich gebraucht, aber der Stadt in jeder Hinsicht auch in Zukunft teuer zu stehen kommen wird. Ich werde die Animationen an die wahrscheinlich immer noch auf Fördermittel wartenden Eigentümer weiterleiten.

Hartwig Arps


Wenn Sie diesen Artikel auf Facebook teilen möchten,
klicken Sie bitte hier: