Lokalredaktion der Mitteldeutschen Zeitung .......................................................................Weißenfels, den 18.08.2010
Markt 7
06667 Weißenfels

Leserbrief: Neue Hausabrisse in der Innenstadt

Ich hätte es niemals für möglich gehalten, dass es nach den Schandabrissen historischer Bausubstanz Marienstraße 1-11 und Klosterstraße 23-37 unter OB Rauner noch zu weiteren Abrissen in unserer Innenstadt kommen würde. Doch weit gefehlt. Eine Woche vor dem dreitägigen Landesjubelfest in Weißenfels, das sich Sachsen-Anhalt-Tag nennt und auch noch unter dem Motto steht, „Weil’s mich freut“, rückten erneut Abrissbagger an, um in der Saalstraße drei Häusern aus dem frühen 18. Jahrhundert den Garaus zu machen. Trotz öffentlicher Verlautbarungen aus dem Rathaus, dass doch das Fest allumfassend sicher und gut vorbereitet sei, haben die Verantwortlichen in panikartiger Angst eine schlimme Abrissattacke geritten. Die Stadtverwaltung hat bisher nicht wahrhaben wollen, welche Gefahr schon seit Jahren von zahlreichen gefährdeten Gebäuden ausgeht. Nichts wurde bisher zu ihrer Sicherung unternommen. Wieder einmal zeigt sich in der Saalstraße die hinlänglich bekannte Kalamität einer völlig vergeigten und konzeptionslosen Stadtentwicklungspolitik. Das alte Personal der Verantwortlichen für diese Politik im Rathaus mit dem neuen Oberbürgermeister an der Spitze zeigt sich nicht in der Lage, wirksame Maßnahmen zum Erhalt der kostbaren Altbausubstanz einzuleiten. Dabei zeigen andere Städte, wie beispielsweise Bad Langensalza, wie das gehen kann.
Um von den Stadtvätern der genannten Stadt zu lernen, die einst zum Herzogtum Sachsen-Weißenfels gehörte, haben hiesige Stadträte der Fraktion BfW, Mitglieder des Aktionsbündnisses und FDP-Stadtrat Riemer am 10. Juli 2010 eine Exkursion dorthin gemacht. Rechtzeitig dazu eingeladen waren auch OB Risch, Stadtarchitektin Wagner und Denkmalschützer Kujas. Alle drei waren jedoch angeblich verhindert und fehlten dann. Schade. Sie hätten wirklich lernen können, wie der engagierte Bürgermeister Schönau seine Stadtverwaltung führt und wie programmatisch er seine Altstadt mit überwiegend Gebäuden aus Renaissance und Barock in einen geradezu beispielhaften Zustand gebracht hat. Bad Langensalz kann trotz Bevölkerungsschwund heute wieder Zuzug junger Menschen vermelden. Das Konzept: Die Stadt erwirbt u.a. im Bestand gefährdete Häuser aus privater Hand, saniert sie denkmalgerecht von außen und verkauft sie dann preisgünstig. Im Inneren können die neuen Eigentümer nach ihren eigenen Vorstellungen baulich verfahren. Kein Haus stand bisher länger als vier Wochen auf der Verkaufsliste der Stadt, so der Bürgermeister. In der lebendigen Langensalzaer Altstadt gibt es gegenwärtig keine nennenswerten Baulücken, dafür komplett sanierte Straßenzüge, gepflegte Anlagen, überall Blumen und allseits zufriedene Bürger. Dabei sind die Förderbedingungen in Thüringen nicht grundsätzlich anders als in Sachsen-Anhalt. Nur muss man sie halt nutzen.
Bürgermeister Schönau hat gezeigt, dass sein Konzept funktioniert – völlig anders als in Weißenfels, wo man seit der Wende zwar auch zahlreiche repräsentative Häuser teuer saniert hat, wo aber inzwischen 68 historische Bauten weggebaggert wurden. Und ein Ende dieses unsinnigen Vorgehens ist nicht in Sicht, wenn man sich die höchst gefährdete alte Hoffischerei, das ramponierte Hofmarschallhaus, das Kloster und andere historische Gebäude in der Altstadt ansieht. Mit einer großflächigen Abdeckung a la Potjomkinsche Dörfer wie vor dem Eckhaus Jüdenstraße/Kl. Kalandstraße lässt sich weiteres Unheil nicht abwenden.

Dr. Otto Klein


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