[28.08.2010]
Nachbetrachtungen zum SAT

Liebe Leserinnen und Leser,
nach der Glosse von vorgestern nun wieder zu ernsten Themen:
Dass Herr Kähler ein alter erfahrener und guter Marktmeister in engem und weiterem Sinne ist und Herr Brückner ein junger, talentierter und aufstrebender Kulturmanager, weiß, wer sie einigermaßen kennt. Dass die Bürger dieser Stadt gute Gastgeber sein können, ebenso.
Als alter Weißenfelser bin ich also nicht überrascht, wenn wir (fast) allesamt, beruflich oder ehrenamtlich, zum SAT einen guten Job abgeliefert haben und gemeinsam mit vielen Gästen und auf der Grundlage kräftiger Finanzspritzen, eine tolle Party feierten. An dieser Stelle füge ich in eigener Sache ein, dass das Interesse am Projekt Union- Theater so positiv aufgenommen wurde, dass ich demnächst eine Extra- Rubrik dafür einrichten werde. Damit es nun nicht weitergeht mit zu viel Lob- inzwischen gibt es Unkenrufe, dass die nächste Loveparade in Weißenfels stattfinden soll, weil hier alles so sicher abgelaufen ist- zitiere ich CSU-Chef Horst Seehofer:
„Harmonie im Falschen ist der schlechteste Wegbegleiter“ meinte er kürzlich zum Auftreten seiner Partei in der Berliner Koalition. Ich meine, das gilt überall.
Meine Kritik betrifft Zusammenhänge, die ich hinlänglich bekannt gemacht habe. Nicht nur in Sachen Wetter hatten alle Beteiligten viel Glück. Duisburg ist bei einigen Ignoranten schon wieder weit weg. Ich bleibe dran und fange mit manipulierten Zuschauerzahlen als ein erstes Gefahrenpotential an.

DIE WELT, 26.Juli 2010:
„Während die Organisatoren von rund 1,4 Millionen Besuchern sprechen, überraschte die Polizei mit der Aussage, dass lediglich 105.000 Menschen zwischen 9 und 15 Uhr mit der Bahn in Duisburg angekommen seien- und dies sei der Großteil der Partybesucher gewesen.“

Die gleiche Zeitung am 27.Juli:
„Das Gelände, ein ehemaliger Güterbahnhof, war von der Stadt für 245.000 Menschen freigegeben.“

In einem Leserbrief an die gleiche Zeitung fragt ein Experte:
„Sind solche Zahlen subjektiv aus der Luft gegriffen, fachmännisch geschätzt, aus Flächengröße und angenommener Personendichte pro Quadratmeter hochgerechnet, oder mit noch besseren Methoden, etwa aus Luftbildern? Diese Frage stellt sich übrigens nicht nur für Duisburg, sondern für viele der aus den Boden schießenden Großveranstaltungen ohne Einzelkontrolle.“

Ich hatte diesbezüglich am 17.08. beim zuständigen Amt in Naumburg angerufen. Dort hatte man für die Bereitstellung der erforderlichen Sanitätskräfte innerhalb des Festgebietes in Weißenfels nach statistischen Tabellen die möglichen Maximalwerte zugrunde gelegt:
4 Personen pro Quadratmeter ergeben bei der vorliegenden Festfläche 56.000 Personen, für die im Notfall Rettungssanitäter bereitgestellt werden mussten. Die angekündigten Besucherzahlen und die mit Buden weitgehend zugestellten Zugangs- bzw. Fluchtwege wären schon Zustände am Rande einer Katastrophe und bereiteten den Verantwortlichen große Kopfschmerzen.

Im Vorfeld wurde, auf welcher Grundlage auch immer, für Weißenfels im Mittel so etwa mit 230 000 Personen gerechnet. Im Durchschnitt wären das über 75 000 Menschen pro Tag im Festgebiet und wenn man den Freitag als den relativ schwach besuchten Tag berücksichtigt, in Spitzenzeiten noch viel mehr. Also mindestens 19 000 über einer schon schwer vorstellbaren Dichte von 4/m2 im gesamten Festgebiet. Am Ende sollen es sogar 260 000 Teilnehmer gewesen sein. Niemand hat gezählt und niemand hätte auf realer Grundlage eingreifen können. Ein unverantwortliches Hasardspiel in Sachen Sicherheit. Aus Werbe- und Propagandagründen wurde hier mit Zahlen umgegangen, dass einem das Grausen kommt. Ich war an allen drei Tagen vor Ort. Nach meinen Schätzungen waren maximal 150 000 mehr oder weniger rotierende Besucher und Gäste im Festgebiet anwesend. Gott sei Dank – wie ich meine.

Ein weiterer Punkt: Die marode Bausubstanz im Festgebiet.

Ich habe mit meinen diesbezüglichen Fotoserien Gefahren aufgezeigt, die seit Jahren vorhanden sind und täglich größer werden. Jeder Sonnenstrahl, Regenguss, jede Windbö, Schnee und Frost beschleunigen in zunehmendem Maße einen unerbittlichen Zermürbungs- und Zerfallsprozess maroder Bausubstanz. An manchen Stellen wurde nach Ab- und Einstürzen reagiert. Wichtige Fragen wurden bis heute nicht beantwortet. Die Nummer mit dem unantastbaren Eigentum wird nur noch von unverbesserlichen Ignoranten verwendet und scheitert in Weißenfels ohnehin an der Jüdenstraße 1 und anderen Objekten, die sich im Eigentum der stadteigenen WVW befinden. Was über Jahre zuvor versäumt wurde, war nun nicht mehr zu reparieren und wurde verhüllt. „Wie zu DDR-Zeiten“, ist die dominierende Volksmeinung. Dass sich die WVW in geradezu zynischer Weise vor den abgerissenen Häusern an der Ecke Jüden- Saalstraße mit dem Banner „WVW – Die Nr.1 beim wohnen“ präsentiert, wundert Kenner der Szene schon lange nicht mehr.
Neu ist die Beteiligung der Stadtwerke beim Verstecken von peinlichen Gefahren und Missständen über eine teure Campagne, die offensichtlich nur der Werbefirma einen wirklichen Gewinn bringt.
„Wir können mehr“ ist da überall zu lesen. Interessierte Betrachter fragen sich:
„Mehr als was oder wer?“, denn logischerweise werden die Riesenplakate im Kontext zu den verhüllten Objekten betrachtet. Ich habe bei den Stadtwerken angerufen und fragte: „Ist das Ganze als kritische aber positive Botschaft an die Stadt und seine Gäste zu verstehen und zwar unter Motto „Wir können mehr, als Häuser in unserer historischen Innenstadt so verkommen zu lassen - Packen wir es gemeinsam an!“? „So haben wir es zwar nicht gesehen – aber ich danke für den Hinweis.“ „Wie denn dann?“ „Wir wollen eigentlich nur die Stadt verschönern und dabei auf unsere eigenen Leistungen verweisen.“ Im weiteren Gespräch erfahre ich dann, dass bei der Bemalung des Riesenbanners vor dem Einzeldenkmal Jüdenstraße 1 sogar der Denkmalschützer der Stadt mitgearbeitet hat. Und man sei froh darüber, dass das andere Eckgrundstück zur Saalstraße rechtzeitig einstürzte, denn auch das war zur Verhüllung vorgesehen. Unglaubliche Zustände. Und: Das Ganze soll ja eine Weile stehen bleiben. Meine Fragen werden - wenn der Chef aus dem Urlaub zurück ist- weiter erörtert.

Ich denke an die Zeiten, als Honecker mit hohen Staatsgästen durch Weißenfels kutschierte. Da hatte man „zur Verschönerung der Stadt“ genauso gehandelt.
„War doch nicht alles so schlecht zu DDR – Zeiten“: Diese Rubrik, die ich in Sachen Volksbildung aus eigener Erfahrung bestätigen kann, droht in Weißenfels um die Kategorie „Verschönerung durch Verhüllung von Missständen“ erweitert zu werden. Die Menschen in der DDR waren nicht so dumm, um das den Bonzen abzunehmen. Heute bin ich mir da in einigen Teilen nicht so sicher.
Schon in meiner ersten Druckausgabe der Weißenfelser Seiten vom 9. März 2002 habe ich den Schriftsteller Walter Kempowski zitiert: „Die Verblödung unseres Volkes macht sichtlich Fortschritte.“ Heute zitiere ich Thilo Sarrazin und die Bild:
„Deutschland wird immer ärmer und dümmer!“ 89% bestätigen die Thesen seines Buches “Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen.“ in einer aktuellen Umfrage. Machen Sie sich selbst ein Bild.
Zurück zu den Stadtwerken: Was kostet diese Verhüllungscampagne und wer bezahlt sie am Ende? In der MZ von heute gibt es im Beitrag „Ärger über Gebühren… Unternehmen in Sachsen –Anhalt bewerten ihre Städte…“ auf Seite 2 eine Antwort. Über Weißenfels steht dort: „Nirgendwo ist die Zufriedenheit mit der Verkehrsanbindung so groß. Das Image der Stadt wird am zweitschlechtesten bewertet, auch die Höhe der Strom- und Gaspreise und die Gewerbeflächenangebote kommen schlecht weg.“

Warum ich mich auch sonst über die MZ freue:

Am 07.08.10 richtete ich ein Schreiben an zwei Minister in Magdeburg und den Chefredakteur der MZ mit der Bitte um Hilfestellung dahingehend, dass alle Sicherheitsfragen zum SAT mehr Öffentlichkeit und Transparenz gewinnen. Ich verwies dabei auf die entsprechenden Bilder und Texte. Freilich hatte ich nicht damit gerechnet, dass unmittelbar darauf ein Antwortschreiben mit einer Stellungnahme zur diesbezüglichen Praxis des hiesigen Lokalteiles, und dann auch noch vor oder während des SAT, folgt. Ich hatte allerdings damit gerechnet, dass es irgendeine Reaktion geben wird. Sie kam:

Am 26.08.10 erschien auf Seite 3 unter der Rubrik Mitteldeutschland der Artikel „Bröckelnder Schatz.“ Ich erkannte sofort mein Strickmuster: Bilder vom Verfall betroffener Häuser in Halle, konkrete Beispiele von abgestürzten Bauteilen. „Pures Glück, dass es auch bei den anderen Vorfällen bislang bei Sachschäden blieb…“
Derartig baufällige Häuser würden ständig kontrolliert, sagt Halles Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados. „Die Ruinen schaden unserem Image.“ Sie sieht vor allem die Eigentümer in der Pflicht, gleichwohl kündigte sie an: “Wir wollen die rechtlichen Möglichkeiten offensiver ausnutzen.“
Bildunterschriften: „Es bröckelt und bröckelt … Das Barockhaus in der Schulstraße ist indes vom Erdboden verschwunden. Die Stadt ließ es abreisen – und erntete dafür viel Kritik…
Im besten Fall sind die Ruinen in grüne Netze eingepackt oder mit Fangnetzen bestückt. In vielen anderen Fällen aber können Fassadenteile ungehindert zu Boden fallen.“

Durch die angebrachten Netze sind alle Einzelheiten zu erkennen. Nirgendwo ist zu sehen, dass eine Firma diese Schandflecke mit Werbebannern verhüllt. In Halle kennt man offensichtlich die Sensibilitäten der Bevölkerung. Besonders was Vergleiche zur DDR angeht.
Und nicht nur das. Über dieses Wochenende findet in Halle das Laternenfest statt. Zum dreitägigen Gaudi werden viele Besucher erwartet. Auch hier geht es um Fragen der Sicherheit. Die MZ in Halle hat im Vorfeld kritisch über Missstände berichtet.
In Weißenfelser Lokalteil waren am 25.08. in ungewohnter Weise kritische Leserbriefe zu lesen, die ein Umdenken bei den Machern auch hier zumindest andeuten. Mal sehen wie das weiter geht.
Sehr geehrte Damen und Herren der Chefredaktion,
als langjähriger Leser war ich oft drauf und dran mein Abo abzubestellen. Wenn etwas von der von Ihnen praktizierten kritischen Berichterstattung auch auf den hiesigen Lokalteil überspringen sollte, werde ich dazu keine Veranlassung mehr haben. Überwiegende Lobhudelei, die wirklichen Probleme verschweigen und vertuschen bringt uns alle nicht weiter. Zustände mit ihren Ursachen und Wirkungen aufzudecken und darzustellen- darauf kommt es an! Ich danke Ihnen.

Liebe Leserinnen und Leser, einiges ist in der Hektik des SAT liegen geblieben:
Zwei Pressemitteilungen der Bürgerinitiative Pro Weißenfels. Lesen Sie bitte hier und hier.

Lesen Sie demnächst bitte auch ausführlichere Berichte zu folgenden Themen:

Am 17.08.10 fand auf Einladung des Vorstandes der Wählervereinigung Bürger für Weißenfels die zweite Beratung mit den Bürgermeistern von Burgwerben und Tagewerben, den Herren Schmoranzer und Patzschke, statt. Frau Bürgermeisterin Reider aus Wengelsdorf war terminlich verhindert. Zum ersten Mal nahm auch der Großkorbethaer Bürgermeister Herr Drewitz teil, der dabei auch seinen Austritt aus der CDU bekannt gab. Ziel der Beratungen ist eine künftige fraktionelle Zusammenarbeit im Weißenfelser Stadtrat. Die Gespräche fanden in sehr guter Atmosphäre statt. Weitere Termine sind geplant.

Am 24.08.10 fand eine Vorstandssitzung des Aktionsbündnisses zur Erhaltung der Weißenfelser Altstadt statt, an der als Gast auch Dr. habil. Hans- Günther Beese, Chef der Herzog August-Stiftung in Weißenfels, teilnahm. Eines der Themen war die Erarbeitung eines Nutzungs- Finanzierungs- und Managementkonzeptes für das Weißenfelser Kloster. Weitere Gespräche dazu wurden vereinbart.

Hartwig Arps

Nachtrag 29.08.10:
Die WVW-Banner an der Abriss- Ecke Jüdenstraße/Saalstraße wurden inzwischen entfernt. Ein gutes Beispiel. H.A.


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