[04.12.10]
Kommentar, Teil 3

Liebe Leserinnen und Leser,
der von mir geschätzte deutsch-ägyptische Politikwissenschaftler, Historiker und Autor Hamed Abdel- Samad (38) meint:
&Nein, Thilo Sarrazin ist weder der Heilsbringer noch ist er das Problem. Er ist weder Rassist noch Aufklärer. Er ist lediglich Katalysator für die meisten Probleme, die die asymmetrische Republik Deutschland hat: die verkrampfte Streitkultur, die Trägheit der Politik, die veralteten Konzepte, die Angst- und Empörungsindustrie.(…) Es fehlt eine Atmosphäre, in der ehrliche und schonungslose Kritik zulässig ist und die frei ist von Apologetik und Überempfindlichkeit. Die Sarrazin-Debatte hätte zu einer neuen Streitkultur im Lande führen können, stattdessen machen wir daraus eine Karnevalsnummer. Jeder trägt seine Maske und lässt seinen Emotionen freien Lauf. In wenigen Wochen werden weder Sarrazin noch sein Buch eine Rolle mehr spielen. Wir werden eine neue Sau finden, die wir durch das Dorf treiben können. Denn wir leben in einer Talkshow- Gesellschaft, wo jede Zeit eine Faschingszeit ist.“

Ich bin schon mal froh, dass es junge Leute wie ihn gibt. Er geht mit Henryk M. Broder(64) als Vertreter meiner Generation auf „Deutschland- Safari“. Beide zeigen, wie man gegen das fatale Narrentheater auch angehen kann.
Zu sehr muss man hier in der Ostprovinz immer wieder feststellen, dass Großteile beider Generationen in der selbst gestrickten Welt einer neuen Nischengesellschaft leben. Man will nicht viel: Einen Job mit einem Einkommen, von dem man leben kann - oder seine Rente. Politisches Engagement schadet da nur und hat ja ohnehin keinen Zweck. Internet und Zeitung kosten Geld. Das hat man nicht oder will es dafür nicht ausgeben. Es bleibt der Briefkasten voller Schund und das Fernsehen mit den Talkshows – wenn überhaupt.

Wie viel Sauen verträgt das Dorf also? Besonders dann, wenn es Weißenfels
(neuerdings auch gallisches Basketball- Dorf) heißt. Wo die Schweine unmittelbar im Schlachthof landen- um im Bild zu bleiben. Wo E- und K-Werk die Provinzanalogien zu S21 sind - mit dem Unterschied, dass (noch) niemand auf die Straße geht. Wo stattdessen in der Grauzone des Rechtsstaates Unbequemen Befangenheit unterstellt wird. Auch, um wirklich befangenen Scharlatanen freies Geleit zu verschaffen. Wo auf amtliche Prüfberichte über schwerwiegende Mängel und Vergehen gepfiffen wird. Wo die Bürger nach den Vergehen der großen Politgangster dann auch noch die hausgemachten Schweinereien ausbaden müssen.

Ich meine, dass da nicht mehr viel gehen kann in dieser repräsentativen Demokratie, in der die Repräsentanten so sind, wie die Geheimberichte des US- Außenministeriums „enthüllen“:
Niebel „eine schräge Wahl“, Seehofer „unberechenbar und mit begrenztem Horizont“, Westerwelle ein „Unsicherheitsfaktor mit wenig eigenen Ideen“ und eine Leutheusser- Schnarrenberger, gegen deren �lschdarstellungen von US-Politik“ man „aggressiv angehen“ muss. Von „Angela `Teflon` Merkel“ ganz zu schweigen. Im aktuellen „Spiegel“ steht es, als wären es Ergebnisse einer deutschen Umfrage.

DIE WELT von heute, dem 4. Dezember 2010, führt eine neue Sau vor:
&Tumult im Bundestag bei Hartz-IV-Debatte“. Im Kommentar heißt es:
&Der deutsche Sozialstaat hat die Gesellschaft mehr als jede Klassengesellschaft gespalten und das Denken verdorben. (…) Man kann diesen Sozialstaat nicht mehr verteidigen. Er ist der größte Behinderer von Vorankommen.“

Gestern hatte die Sau in der gleichen Zeitung einen anderen Namen:
&Angst vor den anderen“. Es ging um eine repräsentative Studie der Uni Münster:
&Danach haben Deutsche eine negativere Haltung zum Islam als andere Europäer. 58% der Westdeutschen und 62% der Ostdeutschen haben eine negative Einstellung gegenüber Muslimen. Knapp 30% der deutschen erklärten, Juden gegenüber negativ eingestellt zu sein.
Bemerkenswert ist, dass die Verbreitung antijüdischer Vorbehalte bei Niederländern und Dänen dramatisch niedriger liegt, als bei uns. (…) Womöglich ist gerade, weil in Holland und Dänemark Konflikte offener ausgetragen werden, dort die Differenzierungsfähigkeit gegenüber „dem Islam“ als Religion und als politische Bedrohung größer.“

Erst beim genauen Hinschauen ist erkennbar, dass es sich um eineiige Zwillingssauen handelt. Sauen zum eigentlich gleichen Thema und wenn man die MZ vom Donnerstag, dem 02.Dezember 2010, einbezieht, kommt sogar noch ein verdeckter Drilling zu Tage:
Unter der seltsamen Rubrik „Bürgermeister“ heißt es dort: „SPD will nun doch Püschel rauswerfen“ (…) „Mir reicht es jetzt, der Bogen ist überspannt.“ wird Erben zitiert. „Im Frühjahr müsse der Einzug der NPD in den Landtag verhindert werden. Dazu müsse man über die wahren Absichten der Neonazis aufklären. Püschels Kuschelkurs gefährde diese Aufklärung.“

Liebe Leserinnen und Leser,
ich beobachte Rüdiger Erben nun schon über Jahre und habe ihn überwiegend als guten Kommunalpolitiker kennen gelernt. Er hat gerade die Rache des kleinen Mannes zu spüren bekommen. Nicht wegen Püschel, sondern wegen der ungeliebten Gebietsreform!
Fehler macht jeder. Erben macht sie nach meiner Beobachtung vor allem dann, wenn er seinen politischen Kernbereich verlässt. Was bedeutet hier „Aufklärung“?
Die Neonazis sind verfassungsfeindlich! Ist das dann auch jemand wie Grünenberg?
Lesen Sie dazu zunächst bitte meine Buchempfehlungen:

Dr. Reginald Grünenberg: Das Ende der Bundesrepublik 2.0
Aktualisierte, erweiterte und verschärfte 2. Auflage 2010
ISBN 978-3-9809000-7-2
316 Seiten, 18,90 Euro
Zitat:
„Eine Initiative zur demokratischen Revolution ist legitim, wenn die gesellschaftliche Krise die Sicherheit und die Ressourcen eines Landes existenziell bedroht und so gravierend oder so vielfältig ist, dass sie im Rahmen der bestehenden Verfassung nicht bewältigt werden kann.
Das gilt umso mehr, wenn die Verfassung selbst eine der Ursachen der Krise ist, d.h. wenn die politischen Institutionen und Prozesse in ihr so festgeschrieben sind, dass die relevanten Konflikte nicht nur nicht gelöst werden können, sondern ihren Ursprung in der Dysfunktion der Verfassungsarchitektur haben.“

Sarrazin- Eine deutsche Debatte
Wer über dieses entscheidende Thema mitreden will, sollte alle Standpunkte kennen.
Herausgegeben von der Deutschlandstiftung Integration
Piper München Zürich. 10,00 Euro
Zitate:
&Die Performance der SPD-Spitze ist lausig. Kein Wunder, dass Außenseiter das Feld bestellen.“ Constanze von Bullion

„Aus keiner europäischen Linkspartei würde Sarrazin wegen dieses Buches ausgeschlossen. Wenn die SPD ihn ausschließen will, stehe ich bereit, ihn vor der Schiedskommission zu verteidigen. Einen fairen Prozess wird es ja wohl noch geben.“
Klaus von Dohnanyi

„Die Thesen von Thilo Sarrazin zu Bildung und Zuwanderung sollte man diskutieren, nicht den Autor verteufeln. Aber die Politische Klasse, der seine Kritik gilt, verweigert sich der Debatte.“ Necla Kelek

„Thilo Sarrazin stellt nicht nur die richtigen Fragen, er bietet auch die richtigen Antworten.
Sein Buch ist ein Stoß mitten ins Herz der bundesdeutschen Political Correctness,
ein Frontalangriff auf Deutschlands Multikulturalisten, xenophile Einäugige und Pauschalumarmer. Die vereinte Riege der Berufsempörer, Sozialromantiker und Beschwichtigungsapostel zerreist ein Buch in der Luft, das sie nicht gelesen hat.“
Ralph Giordano

Auch das Eingangszitat von Abdel-Samad ist dabei und ganz wichtig für die Debattenkultur auch das folgende:
&…Lumpen wie Sarrazin, bürgerliche Saubermänner, die für die falsche Übersetzung sorgen.“ Feridun Zaimoglu

Inzwischen gibt es mit Hans-Olaf Henkel den neuen Euro-Sarrazin.
Der hatte am Montag bei der ARD- Maischberger die stereotype Betroffenheitsrunde sehr überzeugend aufgemischt.

Die Diskussion wird weitergehen und ich werde weiter meinen Senf dazu geben.
Am Montag u.a. zu fragwürdigen Beispielen hinsichtlich der „Aufklärung über die wahren Absichten der Neonazis.“

Bis dahin einen schönen 2. Advent und besondere Grüße an meine Leser in der Schweiz und den USA.

Hartwig Arps


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