[14.07.2011]
Kloster!
Über Heilige und Scheinheilige

Liebe Leserinnen und Leser,
als ich die Einladung zur Festveranstaltung 710 Jahre Kloster St. Claren Weißenfels erhielt, waren meine Gedanken wieder einmal bei den vielen Bemühungen um die Rettung des Novalisquartiers in unmittelbarer Nachbarschaft des Klosters. Mitglieder des Aktionsbündnisses und interessierte Bürger für Weißenfels hatten gemeinsam mit namhaften deutschen Kulturschaffenden und diversen Spitzenmedien aus Presse, Rundfunk und Fernsehen gegen Abrisse in der Kloster- und Marienstraße gekämpft – und verloren.
Gegen Kleingeist in Verbindung mit einem „Hauch von Korruption“ war kein Kraut gewachsen. „Die verantwortungsträger vor Ort haben versagt“, meinte Kultusminister Olbertz am 25.08.2006 im Deutschlandfunk dazu und: „Die historische Bausubstanz wurde vernachlässigt.“ Bis heute kann jeder mit Blick vom Novalishaus aus sehen, was er als „beliebige Einfamilienhäuschen, die niemanden mehr ansprechen“ beschrieben hat. Hinter einer Brachfläche, mit Laubenpieperatmosphäre und neben Containern als Gräteschuppen- mitten in der historisch Innenstadt. (siehe auch Sonderausgabe WS, Juni 2009)
Einer unserer Mitstreiter in dieser Sache war kein geringerer als Günter Grass, Literaturnobelpreisträger des Jahres 1999: “Bei ihrer Arbeit zu Gunsten der Erhaltung des Novalisquartiers dürfen Sie mich gern als Unterstützer nennen“, hatte er uns mitgeteilt.
Freilich stellt sich angesichts solcher Erfahrungen sofort die Frage, ob man wieder lediglich „die Steine des Sisyphos“ bewegt (Günter Grass) oder ob am Ende das Kloster wirklich zu retten ist.

Zur Festveranstaltung am 2. Juli 2011 in der Aula des Goethegymnasium waren jedenfalls zahlreiche Vertreter aus dem öffentlichen Leben der Stadt und des Landkreises, sowie Unternehmer, Gewerbetreibende, Bürgerinnen und Bürger geladen und erschienen.
Oberbürgermeister Robby Risch begrüßte allen voran die Politgrößen aus Bundestag, Landtag und Stadtrat. Es folgte ein gelungenes, sehens- und hörenswertes Programm mit Theater und Gesang um das Thema Kloster. Sehr eindrucksvoll gelang es allen Darstellern, die Bedeutung des ältesten Denkmals in unserer Stadt deutlich zu machen.
Zum Ende der Veranstaltung dann das Wichtigste: Spenden. Schon im Vorfeld hatten Firmen und Einzelpersonen Sach- und Geldspenden signalisiert. Die größten Sachleistungen erbrachten die Firmen Connex und Simon - Kuch im Wert von 2000,- bzw. 750,- Euro. Die größte Geldspende an diesem Tage lag in meinen Händen: 500,-Euro von meiner Familie plus 100,- Euro von Dr. Otto Klein. Bevor ich so viel Geld in die bereitgestellte Urne steckte, nahm ich mir die Freiheit, das Recht und die Pflicht für ein kurzes Statement:

„Meine Damen und Herren, man darf es an einem solchen Tage nicht unerwähnt lassen: Es ist kein gutes Zeugnis für die hiesige Kommunalpolitik, wenn sich Bürger dieser Stadt selbst um das älteste Denkmal kümmern müssen, um weiteren Verfall und am Ende den Abriss zu verhindern. Andererseits wurden Millionenbeträge von Fördermitteln für eine Industrieruine am Stadtrand ausgegeben, um einen zusätzlichen Kultur- und Sportpalast mit Umfeld zu schaffen, den sich die Stadt von Beginn an weder leisten konnte noch wirklich benötigt.“

An dieser Stelle verließen die Stadträte Riemer, Freiwald und Rauner den Saal. Einer rief ein offensichtlich an mich gerichtetes „Aufhören!“ in die Runde. Unruhe im Saal. Ein Beflissener aus der Vereinsrunde sah sich genötigt, mich zu unterbrechen und versuchte mir das Wort zu entziehen. Ich erwähnte das Sprichwort mit den getroffenen Hunden und redete zu Ende:

„Es ist reiner Zufall, dass in der aktuellen Ausgabe des Weißenfelser Heimatboten Herr Hubert Mayer mit der Schlagzeile seines Beitrages eine Frage stellt, die im Prinzip exakt unseren heutigen Problemkreis betrifft: `Die Weißenfelser Promenade – große Geschichte, aber welche Perspektive?` Mayer beschreibt die Promenade als ein Produkt des Weißenfelser Bürgerwillens, als Ergebnis des segensreichen Wirkens des Weißenfelser Verschönerungsvereins, der die gesamte Planung und Anlage in seine Hände genommen hatte, große Teile der Bürgerschaft mobilisierte, deren Spenden- und Leistungsbereitschaft herausforderte und in ca. 20 Jahren das Gesicht der Promenade völlig neu bestimmte. Über viele Jahrzehnte war sie Publikumsmagnet in der Innenstadt. Vor diesem Hintergrund und in dieser Tradition stelle ich als Startkapital gerne diese 600,- Euro zur Verfügung.“

Redezeit ca. 90 Sekunden. Für eine kleine Gruppe der Anwesenden eine große Katastrophe.
&Musste das sein?“ Frau Schmuck war die Erste, die mich das fragte und meine Antwort war: „Ja!“ Die Debatte darüber setzte sich dann auf dem Klostermarkt fort. Meine Kritik sei zwar berechtigt bekam ich zu hören, man könne sich allerdings darüber streiten, ob sie in diesem Rahmen angebracht war. Eines wurde auch deutlich: Die Reaktion der genannten Stadträte war unakzeptabel. Kurzum: Ich hatte eine Idylle gestört. Eine Scheinidylle, die offenbar Eindruck machen sollte: Da sitzen Politiker und Bürger einträchtig beieinander, vereint durch das gemeinsame Ziel, das Kloster vor weiterem Verfall und Abriss zu bewahren.
Ein „Hut ab“ vor jeden der anwesenden Bürgerinnen und Bürger, der nach den hiesigen Erfahrungen der Nachwendezeit in Sachen Denkmalschutz selbst Hand anlegen will, um kommunalpolitischen Versäumnissen nun endlich zu begegnen. Es wäre allerdings sehr zu begrüßen gewesen, wenn auch einige der anwesenden Politiker ein vielleicht gewandeltes Denken und Handeln im Umfeld dieser Veranstaltung bekundet hätten. Von den an- und dann abwesenden Vertretern der Schwarz- Rot- Gelben Mehrheitsmeinungen und -Entscheidungen im Stadtrat, den Herren Rauner, Freiwald und Riemer konnte ich bisher jedenfalls nichts vernehmen, was als Einsatz für unser Kloster bewertet werden könnte. Darüber können auch einige vielleicht gespendete Euro nicht hinweghelfen.

Beispiele zur Erinnerung:
Im Brief der Freien Wählervereinigung Bürger für Weißenfels vom 24.02.05 an das
IBA- Büro GbR, Prof. Dr. Omar Akbar, wurde ein alternativer IBA- Raum vorgestellt.
Unser Vorschlag beinhaltete eine IBA- Schwerpunktverlagerung mit Zielrichtung „Erlebniszone Saaleaue“ und mit Anschlussstelle zur Innenstadt in Richtung Saalstraße und Kloster. „Wir werden diesen Brief als offenen Brief dem Bauminister Herrn Dr. Daehre, die Landtagsabgeordneten Herrn Dr. Volk und Herrn Lienau, dem Landrat Herrn Erben, dem OB Herrn Rauner, allen Stadträten und den beteiligten Firmen der Lebensmittelbranche zusenden. Und wir werden zukünftig eine breitere Öffentlichkeit suchen.“ So endete das Schreiben mit diversen Anlagen. Unterzeichner für die Fraktion BfW: Robby Risch und Dr. Otto Klein.

Eine breite Öffentlichkeit hatten wir für diese Vorschläge gesucht und gefunden – die Zustimmung der Politik und die Mehrheit im Stadtrat leider nicht.
Die setzten sich für das ein, was am Ende in eine teure und unsinnige Verlagerung des Busbahnhofes und in eine Umgestaltung der Promenade mündet, die letztlich zunichte macht, was der Verschönerungsverein ab 1875 geschaffen hatte.
Insgesamt ein Desaster welches anlässlich des Abschlusses der IBA vom Architekturkritiker der WELT, Dankwart Guratzsch, am 12.04.2010 u.a. mit folgenden Worten gekennzeichnet wurde: „Zum regelrechten Fiasko… hat sich die Modellstadt Weißenfels entwickelt.“
Wie einst beim E-Werk wird nun vermutlich auch in Sachen Promenade das allgemeine Gezeter im Stadtrat über verfehlte Planungen letztlich überdeckt von der kruden Feststellung, dass man die Sache nun durchziehen müsse, nachdem doch schon so viel investiert wurde.

Ein weiteres Beispiel:
Im Brief der BfW vom 07.01.2007 an den Chef der bundesweit einberufenen Expertenrunde in Sachen Novalisquartier, Architekt Bräuer aus Rostock, wird in der Anlage 6: „Überlegungen zur Innenstadt“ zum Kloster folgendes ausgeführt:
&An sich ist dieses Projekt mit einer Nutzung als Wohnstift, Pflegeheim, Begegnungsstätte ein auch für PPP-Maßnahmen prädestiniertes Projekt. Eine andere Möglichkeit: Als Aufsichtsrat der Stadtwerke Weißenfels weiß ich, dass diese z.B. über Contracting durchaus in der Lage sind Heizung, Sanitär und Elt- Anlagen zu erstellen und zu bewirtschaften, womit ein nicht unerheblicher Teil der notwendigen Investitionskosten abgedeckt wäre. Natürlich haben wir noch viel weitergehende Vorschläge z.B. zur Promenade, zur Saalstraße, Große Deichstraße. Alles Standorte, die einer umfassenden konzeptionellen Bearbeitung bedürfen. Da dies wieder nicht geschieht, man lediglich eine Straßenzeile und nicht die Stadt als Gesamtheit betrachtet, steht zu befürchten, dass mit der Bebauung der Marienstraße durch den „Investor“ die letzten Dämme brechen.“
Das Schreiben endet mit der Unterschrift des Fraktionsvorsitzenden der Bürger für Weißenfels Robby Risch und einem „PS: Wir prüfen nun doch die Einleitung des Normenkontrollverfahrens mit ggfs. einstweiligen Verfügungen, da seitens der Stadtverwaltung unbeirrt weiter gemacht wird.“

Im Artikel „Bäumefällen bringt Räte auf die Palme“ (MZ, 23. Juni 2011) zum Thema Promenade wird ebenfalls auf die Stadtverwaltung Bezug genommen:
Clemens Wanzke (BfW):„Ist der Stadtrat nur noch ein zahnloser Tiger?“
Hans Kltzschmüller (Die Linke):„Wenn ich nur noch schlucken soll, was die Verwaltung vorgibt bin ich hier fehl am Platz.“
Klaus Heunisch (FDP, Freie Wähler): „Mich macht das alles stutzig…“

Grundsätzlich geht es wieder einmal darum, was auch in der MZ vom 13.Juli 2011, zitiert wird. Götz Ulrich, Fraktionsvorsitzenden der CDU im Kreistag zum Thema Sitz Verkehrsunternehmen meint: „Aber wir müssen auch mal damit Schluss machen, Vorlagen einfach so durchzuwinken.“ Wie weise, Herr Götz. Stellen Sie das bitte nach Weißenfels durch. An den Zuständigkeiten in der Stadtverwaltung hat sich hier jedenfalls nichts geändert. Auch die Mehrheiten sind die Gleichen. Eines allerdings ist neu: Der OB. Und der muss nun durchsetzen, wofür er früher vehement eingetreten ist. Ich nehme ihm immer noch ab, wenn er zur Festveranstaltung meint: „Ich werde Mitglied des Vereins und betrachte es als eine Ehre, hier aufgenommen zu werden.“ Ähnliche Aussagen hätte ich mir auch von denen gewünscht, die nach meinem kritischen Verweis auf die Realitäten den Saal verließen. Risch übergab eine 250.- Euro – Spende als Beitrag der Stadt und des Burgenlandkreises an den Verein. Das spricht Bände angesichts verschleuderter Millionen in die unsinnigsten Projekte.

Insgesamt strotzt mein Dokumenten und Presse-Archiv auch zum Thema Kloster. Seit sage und schreibe 1995 wurden Riesensummen für Gutachter und Planer vergeudet, für Arbeiten, die eigentlich zu den fundamentalen Aufgaben einer Stadtverwaltung gehören. Bis hin zum Etikettenschwindel beim Thema „Soziale Stadt“ oder „neue“ Kulturkonzepte – überall musste das Kloster herhalten – getan wurde außer Schaum schlagen nichts.
Im „Abendblatt“, Novemberausgabe 2007, kann man dazu folgendes lesen:
&Das 1301 erbaute Kloster, das älteste Gebäude der Stadt, rückt jetzt auch von offizieller Seite stärker ins Bewusstsein. Stadtarchitektin Diana Wagner zufolge wird jetzt eine Nutzungsstudie erarbeitet, mit der dann Fördermittel beantragt werden sollen.“ Die Studie wurde in Auftrag gegeben und teuer bezahlt.
Im Sachstandbericht der entsprechenden Beschlussvorlage für den Stadtrat vom 28.05.2009 ist zu lesen, dass „weder Fördermittel noch Eigenmittel für die Umsetzung vorhanden sind.“
Das zur Arbeit einer der Schlüsselfiguren für eine nach meiner festen Überzeugung in weiten Teilen verfehlte Stadtentwicklungspolitik über viele Jahre. Dazu habe ich in WS bereits diverse Beiträge veröffentlicht. Für Mittel und Wege, die über die nächsten Jahre zur Rettung des Klosters in kleinen Schritten überhaupt möglich sind, ist diese Studie weitgehend nutzlos.

Das Aktionsbündnis zur Erhaltung der Weißenfelser Altstadt hat seit 2005 mit diesen kleinen Schritten begonnen. Mit diversen Pressebeiträgen, Internetauftritten, Projektvorschlägen, organisierten Klosterrundgängen, mit Arbeitseinsätzen und Kulturveranstaltungen im Klosterhof und mit hervorragenden Sachbeiträgen von Dr. Otto Klein, Werner Ehrich, Rüdiger Hofmann und anderen, mit unermüdlicher Arbeit in den Stadtratsfraktionen der Bürger für Weißenfels. Und das alles gegen die etablierten Mehrheiten und die zuständigen Verantwortlichen im Rathaus, die stets mit fadenscheinigen Begründungen zu verhindern versuchten, was ihre eigenen Unfähigkeiten zu offenbaren drohte. Solange dort keine Wende eintritt, wird sich nichts ändern. Solche Zusammenhänge zu verschweigen oder hinter Scheinidyllen zu verstecken, wäre der falsche Weg zur Rettung nicht nur des Klosters. Eine Wende wird nur möglich sein, wenn durch öffentliche Kritik Fehlentwicklungen benannt werden, deren Wurzeln Jahre zurückliegen - angerichtet von denen, die eben teilweise heute noch in Amt und Würden sind. Gedeckt durch ein weitgehend pseudodemokratisches Politiksystem, in dem die Akteure immer mehr das Vertrauen der Bevölkerung missbrauchen.

Ohne Widerstand gegen „Die Könige der Sauhaufen“ werden auch wir in Weißenfels keinen Schritt vorankommen. Hilfe für ein verschuldetes und abgestraftes Weißenfels ist leider nur von einem Bundesland zu erwarten, auf dessen Offerten seines Finanzministers hinsichtlich einer Länderfusion die Nachbarländer Sachsen und Thüringen mit Hohn und Spott reagieren.
Deutschlands „Feudaldemokratie“ ist „im Stresstest“, die „Märkte im Sinkflug“ und die
&EU plant Sondergipfel“. Aktuelle Schlagzeilen der WELT. Das kommt alles noch dazu. Es wird nicht leicht werden das Kloster zu retten. Packen wir es an!

Liebe Leserinnen und Leser, abschließend verweise ich auf unseren eingangs genannten ideellen Mitstreiter Günter Grass. Am Tage der Kloster- Festveranstaltung hielt er zur Jahrestagung der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche in Hamburg die folgende Rede. Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte das Manuskript in ungekürzter Form.
Es endet mit den Sätzen: Also gilt es, diese und andere Wahrheiten zu erkennen und zu benennen. Es gilt Steine zu wälzen. Die Steine des Sisyphos.


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