18.03.2012: Neues und Altes aus der Bananenrepublik

Fragen und Antworten in Anlehnung an WELT- Schlagzeilen der letzten Tage:
Brauchen wir Neuwahlen wie in Griechenland? Schöpferische Zerstörung wie bei den Liberalen? Wir sollten in jedem Fall etwas unternehmen! Und: Wer sind wir?

Liebe Leserinnen und Leser,
ich erinnere mich gerne an einen alten Weißenfelser, den die Unbilden des Lebens in viele Länder und am Ende nach Mexiko verschlagen hatten. Immer wenn er hier war, kam er als Kunde und später auch als Freund in die Seumebuchhandlung und gab alles verfügbare Geld für Bücher aus. Er schwärmte von der einzigartigen Vielfalt des Kulturgutes Buch in Deutschland und von der ganz speziellen lokalen und regionalen Angebotsbreite in der Seumebuchhandlung. Das machte uns stolz. Als dann das Reisen für ihn nicht mehr möglich war, schickten wir ihm Buchpakete als Bindeglieder zur alten Heimat, von der er innerlich nie loskam. Er starb in einer mexikanischen Provinzstadt. Fernab einer Buchhandlung. Ihren Wert an sich hatte er schmerzlich erkannt, als sie ihm in der Fremde nicht mehr zugänglich war.

In den Jahren danach hatte sich einiges verändert. Die großen Ketten bemächtigten sich auch des Buches und versuchten so auf ihre Weise mit dem Internethandel zu konkurrieren. Die Geiz ist geil- und Schnäppchenmentalität wurde geschürt. Buchhandlungen zogen in die Konsumtempel auf der grünen Wiese - weitgehend auf Kosten traditioneller innerstädtischer Standorte. Es dominierten billige Massenauflagen. Bücher fand man bald auch in Fresstempeln gleich neben der Butter und sonstigem Ramsch. Gut ausgebildetes Personal schien nicht mehr erforderlich. Discount eben. Mein guter alter Deutschmexikaner würde sich im Grabe drehen.
Aus und vorbei wie der Bäckerladen und die Kneipe an der Ecke? Weitermachen mit der Entvölkerung der Innenstädte zugunsten der grünen Wiese? Lerneffekt gleich null wie in Weißenfels am Beispiel Heuwegcenter?
Gott sei Dank nicht überall. Aus den USA kamen die neuen Schlagzeilen. Das Buchhandelsimperium Borders hatte vor einem Jahr Insolvenz angemeldet, andere wie Barnes and Noble wurden zu Übernahmekandidaten. Die Zeit der Bücher- Megastores ist vorbei. In Deutschland wirbelt diese Erkenntnis gerade die gesamte Branche durcheinender. Große Ketten wie Thalia oder Hugendubel überschlagen sich regelrecht mit Filialschließungen und Umbauten. Die Läden sollen kleiner werden." Die Kunden schätzen Beratung und Service der stationären Händler."
Im Feuilleton der WELT brachte es kürzlich ein Autor auf den Punkt: "Thalia war der Wal, der die kleinen Fische schluckte, und der Elefant im Porzellanladen eines ziemlich filigranen Geschäfts: Von der berühmten Mischfinanzierung etwa, der Subventionierung von Schwerem durch Leichtes hielt man in der Hagener Konzernzentrale so wenig wie von den Minderheitenprogrammen kleiner Verlage. Am Ende wird nur ein Irrtum korrigiert: Weder sind Bücher Lifestyle-Produkte, noch bringen sie schnellen Umsatz. Für Autoren, Verlage und Buchhändler, die sich diesen Namen durch Beharrlichkeit verdienen, ist das freilich keine Neuigkeit. Großes Geld und kleine Literatur können nicht miteinander. Und fast könnte man meinen, eben das sei der Bücher größtes Kapital."

Auch auf der Grundlage solcher Überzeugungen und Erfahrungen übernahmen wir innerhalb unserer Familie zum 1. Januar dieses Jahres die traditionsreiche Buchhandlung Friedrich Stollberg in der Innenstadt von Merseburg. Der Vorgänger hatte sie aus Altersgründen lange Zeit vergeblich zum Verkauf angeboten. Es drohte Schließung bevor sie 2016 ihr 200 jähriges Jubiläum feiern kann. Als wir trotz einiger Bedenken Interesse bekundeten, waren wir überrascht vom Engagement einer breiten Öffentlichkeit. Vom Oberbürgermeister bis zum Kanzler der Hochschule, von Schulen, Vereinen, Firmen und diversen Einzelpersonen wurden wir ermuntert, das durchaus riskante Unterfangen zu wagen- mit ihrer Unterstützung als treue Kunden. Dieser Zuspruch war letztlich das entscheidende Kriterium. Inzwischen bekunden zunehmend auch Autoren ihr Interesse an unserer Verlagstätigkeit in Weißenfels.
Eines haben wir schon gelernt: In Merseburg ticken die Uhren in Sachen Gemeinsinn und öffentlicher Unterstützung des innerstädtischen Handels anders als in Weißenfels, und in Krisenzeiten ist das schon mal viel.
Die Anforderungen werden steigen. "Noch gehen die Online-Umsätze an den klassischen Buchhandlungen weitgehend vorbei", ist auch seitens des Börsenvereins zu vernehmen. Es gehe allerdings auch darum, mit Hochdruck daran zu arbeiten, eigene Internetshops aufzubauen.
Die Seumebuchhandlung in Weißenfels und die Buchhandlung Stollberg in Merseburg werden sich dieser Aufgabe stellen und demnächst auch in dieser Richtung präsent sein. Ob unsere Bemühungen ausreichen werden, wird die Zukunft zeigen.
Wir setzen weiterhin auf zufriedene und treue Kunden und darauf, dass trotz regionaler Abwanderungstendenzen, demographischer Veränderungen und sozialer Verwerfungen das schon zu DDR- Zeiten gewachsene Lesebedürfnis auch in der hiesigen Bevölkerung trotz oder gerade wegen bevorstehender öffentlicher Streichungen und Kürzungen in allen kulturellen Bereichen erhalten und bezahlbar bleibt - zumindest in einem Ausmaß, das auch dem traditionellen Handel in diesen Bereichen ein Überleben ermöglicht.

Hartwig Arps

Liebe Leserinnen und Leser,
den vorstehenden Beitrag habe ich auch in dem Bewusstsein geschrieben, dass jeder innerstädtische Gewerbetreibende, Einzelhändler, Gastronom und Handwerker eine solche oder ähnliche Geschichte schreiben könnte. Besonders in der Weißenfelser Innenstadt ticken die Uhren nicht nur anders: - sie stehen auf zwölf. Es kam und kommt, was kommen musste. Wir wurden und werden "von Dilettanten verschaukelt, die Macht ist bei den Doofen" und bei "Politikern ohne politischen Verstand." Hier meine Themen für die nächsten Wochen:

Wittenberger Gespräch, März 2012
Ex- Bundespräsident Horst Köhler in Luthers Predigtkirche: Gute Führung ist, wenn Versagen mit Konsequenzen geahndet wird. Frage: Was tun, wenn die Führung versagt?

Hat die Vernichtung historischer Straßenzüge Methode?
Jetzt ist die Schützenstraße dran. Wann folgt die Saalstraße vom Goldenen Ring bis zur Alten Sparkasse? Ich hatte ein interessantes Gespräch mit Herrn Hirschhäuser aus Saarbrücken.
So könnt es aussehen! www.saalezentrum.de Wer blockiert hier seit Jahren und warum?
Schreiben aus Saarbrücken vom 09.12.11
Welche Erfahrungen machen aktuelle und potentielle Investoren in der Innenstadt?

Verkehr, Parken, Dammstraße, Busbahnhof und Promenade. Wer macht in Weißenfels Stadtentwicklung und warum? Hat sich ein Netzwerk aus KEWOG, Planern, Integra, DRK und anderen Nutznießern entwickelt und sind Stadtrat und Rathaus hier nur Spielbälle?

Die Inhaberin des "Centra" am Markt hat ihren Mietvertrag zum 31.12.2012 gekündigt.
Sie kann und will aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr und wer sie kennt, weiß, wie sie um den Erhalt des traditionsreichen Hauses gekämpft hat. Interessenten als Nachmieter können sich bei ihr melden. Geht es also mit der Gastronomie weiter bergab? Setzt sich fort, was mit der Vernichtung der "Legende Stadthallen" einst begann?

Fragen zum E-Werk: Wurde angemessen geplant und vor Realisierung auf Rentabilität, Finanzierbarkeit und Risiken geprüft? Wer trägt wofür die Verantwortung? Wird daraus nun eine mit Millionen geförderte Schokoladenmanufaktur?

Aktionsbündnis zur Erhaltung der Weißenfelser Altstadt
Die Denkmalvereinigungen und Netzwerke in der Bundesrepublik Deutschland melden sich zu Wort. Es geht um die EU- Förderperiode 2014-2020/ Förderbestimmungen und die Berücksichtigung des "baukulturellen Erbes". An einem Schreiben an die Europäische Kommission und zuständige Bundesministerien ist unter dem Netzwerk Stadtforen Mitteldeutschland auch das Weißenfelser Aktionsbündnis beteiligt.
Schreiben vom 29. Februar 2012

Tönnies, China und "Schweinefels"
Chinesische Billigproduzenten haben die westlichen Hersteller von Fotovoltaikzellen vom Markt verdrängt. Wieder mal ist S.-A. besonders betroffen. Und das ist erst der Anfang. Kein Industriezweig wird künftig von solchen Entwicklungen unberührt bleiben. Das Exportland Germany wird neben dem Euro-Desaster dadurch zusätzlich schweren Schaden nehmen. Auch Fleischverarbeiter Tönnies hilft in China beim Aufbau eines flächendeckenden Netzes großer Zerlegebetriebe. Die sollen dann mit Schweinefleisch aus Deutschland beliefert werden. Wird Schweinefels auch in diesem Sinne wachsen? Was wird, wenn die Chinesen dann bald ihre eigenen Schweine zerlegen? Nebenbei: Per Werkvertrag zum Hungerlohn- immer mehr Arbeitskräfte der Ernährungsindustrie sind per Werkvertrag angestellt und bekommen im Schnitt fast sechs Euro pro Stunde weniger als die Stammbelegschaft.
(MZ, 3. April 2012)

Solidarpaktmittel: "Schluss mit Soli!", tönt es aus dem Ruhrpott. "Das ist dümmlich!", kontert S.-A- Finanzminister Bullerjahn. Schon Januar 06 zitierte ich:
"Das Bundesfinanzministerium rügt Verschwendung von Solidarpaktgeld für den öffentlichen Dienst. Es wurden geschönte Zahlen vorgelegt. So hatte Sachsen-Anhalt eine Fehlverwendung von 42% eingeräumt- laut Bundesfinanzministerium sind es jedoch 90%. Wirtschaftsforschungsinstitute fordern deshalb, die Bestimmungen des Solidarpaktes so zu ändern, dass Fehlverwendungen künftig bestraft werden können. Was wird nun?

Aufgeblähte Verwaltung / Kommunalfinanzen in S.-A.
Ein Gutachten der Regierung kommt zu dem Schluss, dass die Gemeinden im Land zu viel Geld für Personal ausgeben. Die Ostdeutschen Länder können nach Berechnungen des Bundesfinanzministeriums ihre Ausgaben nur zu einem Dritten aus eigenen Steuereinnahmen finanzieren. Wohin also Griechenland Sachsen-Anhalt und Bananenrepublik Weißenfels?

Ausgewählte Leserbriefe
Ich bitte um Nachsicht, wenn ich nicht auf alle Zuschriften umgehend reagieren kann.
Herr Arie Rosen schrieb mir aus Jerusalem. Er bemüht sich um Kontakte im Rahmen der Vereinigung Kulturelle Begegnungen und in diesem Zusammenhang um Lesungen jüdischer Autoren auch in Weißenfels. Ich habe Hilfe, Vermittlung und Unterstützung zugesagt. Der Organisator der "Literaturtage an Saale, Unstrut und Elster" ist bereits informiert.
Herr Schornsheim aus Starsiedel wehrt sich gegen "die Benachteiligung der berechtigten Interessen der betroffenen mehrheitlich kohleablehnenden Bevölkerung" durch die MZ.

Hartwig Arps


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