[Freitag, den 13.07.2012]
Der Glosse erster Teil
Bernd F. Steudtner soll ausgezeichnet werden

Laut Mitteilung der Bürgerinitiative "Neu - Stadt Weißenfels" soll der ehemalige WVW -Chef und derzeitiger Inhaber der WEIWO mit einem alternativen 1. Preis für innovativen Stadtumbau geehrt werden. Der noch vom ehemaligen Bauminister Daehre ("Weißenfels ist die Barockstadt in Sachsen- Anhalt" und "Städter müssen wissen, dass Schweine nun mal etwas riechen") ausgelobte Preis soll zwar erst am 1. April 2013 verliehen werden, doch aktuelle städtebauliche Ereignisse, wie erneute Abrisse innerhalb des städtebaulichen Missstandes Schützenstraße, die Errichtung eines Touristen- Hostels am Weißenfelser Stadion oder die Millioneninvestition in "Brandsanierung" rücken das Steudtner - Netzwerk aktuell in den Mittelpunkt städtebaulicher Betrachtungen.

Aus einem ausführlichen Statement der BI zur Begründung der Preisverleihung sind interessante Einzelheiten durchgesickert. Danach hat er einen innovativen Lernprozess durchlaufen: Mit dem Scheitern seines Neubau- Projektes "Schlossblick" (2004-2006) parallel zu den verfallenden historischen Altbauten in der Schützenstraße begann ein Umdenken: Wenn etwas Neues entstehen soll, muss vorher das Alte weg.

Die Leerstände in der historischen Altstadt hatten zugenommen und Eigenschaftler wie Prof. Lückenmann von der Hochschule Sachsen- Abart prognostizierten Kosten von 500 000.- Euro für die Sanierung pro Einzelobjekt und etwa eine Viertelmilliarde Euro für das gesamte Flächendenkmal Innenstadt. Steudtner machte die Erfahrung, dass nach seinen Maßstäben die Kosten eher noch höher liegen. Gemeinsam mit Gleichgesinnten steuerte er um. Auf Abrissbagger, die bis heute unterwegs sind. In seiner eigenwilligen Abwägung zwischen Abreißen und Erhalten sieht das Netzwerk bahnbrechende Erfolge für einen sorgsamen Umgang mit öffentlichen Geldern zum Wohle der die Stadt tragenden Bevölkerungsschichten. Die aktuellen Beispiele Hostel und Brandsanierung seien eindrucksvolle Belege.

Der Visionär hatte sich von jungen Architekten inspirieren lassen.
"WSF 2050- Stadtvision Weißenfels." Ihr Vorschlag im Kampf gegen die "schrumpfende Stadt, Leerstand, Arbeitslosigkeit und demografische Entwicklung" ist die "urbane Landwirtschaft in städtischen Brachflächen". Von einer neuen Identität ist die Rede:

"Kräuterstadt Weißenfels".

Über eine "Zonierung vom Stadtkern über den Kernstadtrand bis zur Vorstadt soll es zu einer touristischen Aufwertung kommen.

  • Zone I mit kleinen Beeten für Kräuter, Arzneipflanzen und Rosengärten
  • Zone II mit Gemüsegärten, Kleintieren und Energiepflanzen und
  • Zone III mit Viehhaltung und Streuobstwiesen."

Auch an das "Bewahren historischer Raumkanten durch Erhalten der Erdgeschossfassaden" ist gedacht, ebenso an das "Hostel mit Übernachtungsmöglichkeiten" oder an "Passivhäuser an der Saale, aus der benötigte Restenergie gewonnen werden kann."

Steudtner, der eigentlich ein Anhänger von Brandsanierungen ist, hatte dieses Vorhaben wegen Einwänden der örtlichen Feuerwehr fallen lassen und danach über forsches Auftreten gegen alle Widerstände die Abrissbirnen eingesetzt. In seinem Bestreben zum Wohle der Stadt hat er gegen lästiges Baurecht verstoßen, sich selbst mit dem städtischen Bauamt angelegt und unwilligen Grundstückbesitzern mit Anwälten den Garaus gemacht. Er hat damit exemplarisch deutlich gemacht, wie gegen alle Widerstände Ziele erreicht werden können.

Der Sprecher der BI erinnert daran, dass Teile der Zonierung bereits umgesetzt sind und umreißt die nächsten Ziele für die Innenstadtentwicklung:

  • Weitere Reduzierung des Leerstandes durch Abrisse insbesondere historischer Bauwerke und damit eine Erweiterung landwirtschaftlicher Nutzflächen auch und besonders in der Innenstadt.
  • Weitere Reduzierung von Gastronomie und Einzelhandel durch Schließungen bzw. Verlagerungen in das Heuwegcenter und dessen kontinuierliche Erweiterung z. B. durch weitere Möbelhäuser.
  • Zielgerichtete Erweiterung von Altenwohnsitzen und Pflegeeinrichtungen sowie Schaffung entsprechender Ruhezonen durch Abschaffung jeglichen KFZ- Verkehrs zu Land und zu Wasser incl. endgültiger Verlagerung der Personenschifffahrt in Richtung Bootshaus. Auf den früher in die Diskussion gebrachten "Rauner- Airport" wird verzichtet.
  • Weitere Fällungen von Bäumen als lästige Lichtfresser in der Nähe von geplanten Altenwohnsitzen.
  • Abgrenzung des Gesamtareals und Schaffung eines geordneten Zuganges für Anwohner nach entsprechenden Altersklassen und Touristen über den neuen Busbahnhof.

Es wurde Einvernehmen mit dem OB und den Firmen Tönnies und Frischli über folgende Maßnahmen erzielt:

  • Im Rahmen des Netzwerkes Ernährungsgüterwirtschaft wird das Gelände des Güterbahnhofes zur Milchproduktion für die Haltung von 10.000 Stück Milchvieh umgestaltet und der ehemalige Gloria -Palast zur vollautomatischen Melkanlage umgebaut.
  • Über eine Milch- Pipeline parallel zur Merseburger Straße wird die Firma Frischli dann direkt beliefert. Den anliegenden Grundstücksbesitzern werden in Gegenleistung dafür die Straßenausbaubeiträge reduziert.
  • Ähnliche Ziele werden mit der Umgestaltung des E- Werkes zur gläsernen Kläranlage verfolgt. Hier soll eine Vorklärung der Tönnies- Abwässer stattfinden bevor diese dann über eine geplante Rohrleitung in das Hauptklärwerk an und damit in die Saale eingeleitet werden sollen. Klar wie Trinkwasser.
  • Auch hier ist an eine Gegenleistung für die Bürger gedacht: Die geplanten "Herstellungskostenbeiträge" für Grundstückseigentümer werden nicht nur gestrichen- es ist darüber hinaus auch eine drastische Senkung der Abwassergebühren geplant.

Abschließend wird betont, dass mit der von ausgewählten Unternehmern, dem Lionsclub und der Mitteldeutschen Zeitung initiierten Auszeichnung ein Zeichen gesetzt werden soll, wie durch die Vorbildwirkung eines Einzelnen ungeahnte Kettenreaktionen ausgelöst werden können.

Hartwig Arps


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